Teil 1: Von Susanne Barden, Fusionen und der Leidenschaft zu Lehren

Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich die dreiteilige Buchreihe Susanne Barden gelesen. Es spielt irgendwo im angloamerikanischen Raum und Susanne Barden war Pflegefachkraft. Das Buch wird heute nicht mehr verlegt, ich hab sogar versucht, es über den Antiquitätenhandel zu bekommen, denn ich würde es jetzt gern im Nachgang noch mal lesen. Ich bekomme es aber nicht mehr und manchmal denke ich, es war nur eine Einbildung, aber tatsächlich hab ich es ja mal gelesen. Die Beschreibung einer Frau, die in einem System verantwortlich arbeitet und den Menschen nah sein kann und ihnen Hilfe leisten kann, hat mich sehr beeindruckt. Das kann ich heute – aus meiner jetzigen Perspektive – so aussprechen, aber das war das, was mich damals als zwölfjähriges Mädchen fasziniert hat. Ich war gesegnet, dass ich Abitur machen durfte und es war mir schon damals klar, dass ich nach dem Abitur in die Pflege gehen werde. Meine Eltern waren darüber nur mittelmäßig amused. Meine Schwester hatte es immer schwer in der Schule und ich nicht. Da war ich diejenige, die mal studieren gehen sollte, denn ein Studium mache ja was her. Aber did war mir wurscht, denn ick hatte ja Susanne Barden gelesen.

Ich bin in Westberlin aufgewachsen. Ich sag das deshalb, weil das eine Relevanz hatte damals. Heute ist mir egal, ob Ost oder West. Aber damals war Westberlin ein Dorf, eine totale Kleckernumer, aber das hat man sich natürlich nicht eingestanden. Aus heutiger Sicht war es aber sehr überschaubar wie eine kleine Großstadt. Jedenfalls hab ich Berlin immer geliebt und wollte auch nicht weg. Ich bin also in Gropius-Stadt aufgewachsen und 1989 waren die letzten Ausläufer der damaligen schwierigen Pflegesituation noch zu spüren. Ich hab eine Bewerbung für das Krankenhaus in Neukölln, denn das war mit dem Rad gut erreichbar, geschrieben und wurde genommen, weil eben der Pflegenotstand war und die jungen Leute schon damals nicht in die Pflege gehen wollten. Obwohl es in anderen Bereichen nicht so viele offene Stellen gab. Das ist der Unterschied zu heute. Heute gibt es auf dem gesamten Arbeitsmarkt offene Stellen. Damals war das nur im Bereich der Pflege so. Das war erstaunlich.

Dann hab ich die Ausbildung begonnen und ich hab es vom ersten Tag an geliebt. Die Ausbildung und die Arbeit. Und ich wusste, es ist genau das, was ich wollte. Meine große Begeisterung galt meiner Kursleitung, einer Frau, die einen unglaublich tollen Blick auf die Pflege und auf den Menschen hatte. Sie hat mich sehr geprägt und ich bin bis heute freundschaftlich mit ihr verbunden. In all der Zeit haben mich immer die Menschen geprägt, die mich an die Hand genommen haben und die meine Mentoren waren. Ich war auch immer jemand, ich hab immer die Menschen gefunden, die einen positiven Blick auf das Feld der Pflege hatten. Es kommt auch immer darauf an – und das sag ich jetzt als Lehrerin – welche Kraft man hat, schon jemand zu sein und erkennen zu können, was einem gut tut. Und ich habe überall tolle Leute gefunden. Meine erste Praxisanleiterin hieß Marina und Bogdan leitete mich auf der Intensivstation zum Examen an. Ich kenne noch ihre Namen, obwohl wir keinen Kontakt mehr haben, aber sie haben mich geprägt.

Nach dem Examen bin ich in die Onkologie gegangen, weil das ein Fachgebiet war, das mir sehr lag und ich die pflegerische Arbeit einfach toll finde. Ich hab gern und gut selbstverantwortlich gearbeitet und hab das Interprofessionelle geliebt. Also, wenn man auf andere Berufsgruppen zugeht, kann man gut Aufgaben verteilen. Während meiner Zeit in der Onkologie hab ich bereits vereinzelt Unterricht zur onkologischen Pflege gegeben. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Mein Schulleiter war einer, der konnte die Menschen wachsen lassen. Er hat Potenziale erkannt und hat sie entwickeln lassen können und als ich von der Schule gegangen bin, hat er gesagt, wenn Sie irgendwann Interesse daran haben, an die Ausbildung zurückzukommen, dann melden Sie sich bei mir. Letzten Endes war es dann andersrum und die Schule hatte eine Schulassistentenstelle frei und hat mich angefragt, ob ich Lust hab und so bin dazu gekommen, auszubilden. Ich glaube, ich konnte immer mit großer Leidenschaft von der Pflege erzählen und die Azubis konnten sich dem auch gar nicht entziehen. Es ging gar nicht anders, als dass sie did dann och jut finden mussten. Und daher fiel mir auch das unterrichten immer relativ leicht.

Das war Anfang der Neunziger Jahre, die Mauer war gerade gefallen und alles war im Umbruch. In der DDR gab es ein Studium für die Pflegeausbildung und die waren ziemlich fortschrittlich, was die Entwicklung an den Instituten anging. Und so stand ich vor der Entscheidung, ob ich studiere oder die klassische Weiterbildung, wie es im Westen üblich war, absolviere. Aufs Studieren hatte ich eigentlich keine Lust, aber mein Schulleiter wollte, dass ich studiere. Das Studium fand ich dann inhaltlich eher schwach und hätte gern hingeworfen, aber auf halber Strecke gebe ich nicht mehr auf. Erst hinterher hab ich begriffen, dass Studieren was anderes bedeutet, als den Inhalt zu erfassen. Aber das ist der Weg, den man als Student erst gehen muss. Am Ende war es toll und das Studium war das Beste, was ich machen konnte. Es schaut heute niemand mehr auf die Inhalte, aber der Abschluss ist für viele relevant.

Was ich als Lehrerin toll fand und warum ich in dem Bereich geblieben bin, ist der Kontakt zu jungen Leuten, was mir ja sowieso lag und weil das mit dem Beruf der Pflege verbunden war. Also eigentlich war das eine optimale Nummer für mich. Ich finde es toll, dass ich gemeinsam mit den jungen Leuten über diesen Beruf nachdenken, ihn gestalten und Wege bereiten kann. Laufen muss dann jeder allein. Aber ich kann viele Türen öffnen und Optionen zeigen. Das fand ich von Anfang an toll.

Zur Schulleitung kam ich nicht, weil ich morgens aufgestanden bin und gedacht hab, ich möchte gern mal irgendwann eine Schule leiten. Ich wollte Ausbildung machen. Damals wurden die sieben städtischen Schulen zusammengelegt und es wurde jemand gesucht, der ein Curriculum erstellt, bzw. der die Schullehrpläne aus den unterschiedlichen Schulen zu einem zusammenführt. Das hab ich gemacht und dann wurde die Fachbereichsleitung dieser sieben Schulen, die dann zu Vivantes zusammengeführt wurden, ausgeschrieben. Ich wurde genommen, aber aus meiner heutigen Sicht war das alles ganz schön vermessen. Ich war eine junge Frau, Anfang Dreißig, gerade mit dem Studium fertig und stand sieben gestandenen Schulleitungen gegenüber. Das war für alle eine große Verwundung gewesen. Ich bin in die Schulen gestiefelt und war so unbedarft – also dafür möchte ich mich manchmal gern heute noch entschuldigen. Nicht für das, was ich gemacht habe, denn ich denke, inhaltlich war das in Ordnung. Aber für die Art und Weise des Mitmachens. Es fehlte eine Kultur der Zusammenführung. Es gab kein gemeinsames Darüberreden oder ein lautes Sauerseindürfen. Da war niemand da, der bereit war, das auszuhalten und ich war in einer Sandwichposition zwischen der Institutsleitung und den einzelnen Schulleitungen, die dann gehen mussten. Die Schulleiterin der Schule vom Humboldtklinikum ist dann zwei Jahre früher als sie müsste in den Ruhestand gegangen, obwohl sie ihren Job gern gemacht hat.

Es war ja auch die Zeit der Umbruchsituation der städtischen Kliniken überhaupt und in der Zeit waren alle unsicherob wohl es eine große Veranstaltung im ICC mit über 2000 Leuten gab, aber da konnte ja gar nichts geklärt werden. Dieser Begriff „Vivantes“ hatte ja noch keinen Inhalt, wurde noch nicht gelebt und es gab ja noch keine Verbundenheit damit. Heute gibt es ausgeklügelte Changeprozesse, die damals noch nicht üblich waren. Damals waren die Menschen von Anfang bis Ende an einem Haus und auf einer Stelle. Diese Bindung zum Arbeitsplatz wurde mit dieser Zusammenlegung zerbrochen, was nicht abgefangen wurde und ich hab das alles überhaupt nicht wahrgenommen. Ich war da völlig blind. Ich freute mich über meine Aufgabe und freute mich über den Aufbau. Ich konnte eigentlich nur froh sein, dass das alles gestandene, tolle Schulleitungen waren, die genau gesehen haben, dass ich dafür keine Verantwortung trage. Sie haben mich machen lassen und dafür bin ich zutiefst dankbar. Sie haben alle ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen, ohne es auf mich zu projizieren.

Ich denke da oft drüber nach und es hat mich in meiner Arbeit als Führungskraft und im Umgang mit anderen Menschen sehr geprägt. Als ich die Leitung hier an der Wannseeschule angenommen hab, hab ich als erstes auch ein Führungscoaching gemacht. Man muss einfach über sich nachdenken. Wenn ich nicht gut leite und mich nicht reflektiere oder wenn ich meine Haltung nicht klar kommuniziere, dann können sich alle anderen nicht darauf einstellen. Und das für alle Beteiligten nicht gut. Ich muss verlässlich und ein Vorbild sein. Und darüber musste ich mir im Vorfeld klar sein, ob ich das sein will oder nicht.

Ich brachte eines Tages einen großen Stapel Tagesspiegel zum Müll. Dabei fiel eine Ausgabe der Sonntagszeitung runter und blätterte auf der Seite mit der Stellenanzeige für die Leitung der Wannseeschule auf. Mir fiel das regelrecht auf die Füße. Ich bin keine Spiri-Maus, gar nicht. Aber an der Stelle schaute ich auf meine Füße und dachte „ach, das ist ja interessant“. Da war ich bereits seit zehn Jahren bei Vivantes und es gab einen neuen Umbruch, so dass mir zu dem Zeitpunkt klar war, dass ich nicht mehr ewig dort sein werde. Ich hab mich dann in der Wannseeschule beworben und bin ja nun auch schon wieder seit fünfzehn Jahren hier. So ganz wusste ich nicht, worauf ich mich da einlasse. Die Wannseeschule hat schon auch einen besonderen Ruf, sie ist die Waldorfschule unter den Pflegeschulen, weil sie so frei und so anders ist. Dadurch, dass sie niemandem, also keinem Krankenhaus und keinem Träger, sondern nur sich selbst gehört, kann sie sich frei entwickeln. Sie ist sich selbst und den Azubis gegenüber verpflichtet. Unsere Schülerinnen und Schüler müssen sich auch schon deshalb mit der Frage, was Pflege ist, auseinandersetzen, weil sie in so viele verschiedene Einrichtungen gehen. Das Angebot und die Art der Schule passten mir damals total in mein Konzept.

Ich hatte auch das Glück, hier die Generalistik ausprobieren zu können mit einem tollen Team, das den Weg mitging und mitgeht. Nach vier Jahren haben wir das Modell der Generalistik evaluiert und standen dann vor der Frage, was wir damit machen. Wir konnten dann die Mitgliedshäuser davon überzeugen, es weiterlaufen zu lassen. Das war ein Riesengeschenk. In den fünfzehn Jahren, die ich hier bin, konnten wir den Blick auf die Pflege fokussieren. Wir haben die Ärzte aus dem Unterricht geworfen und haben Fachpflegekräfte als Vermittler eingesetzt. So konnten wir einen Stolz entwickeln.

Nun kommt eine neue alte Aufgabe auf mich zu, denn ich wechsel am ersten August meine Stelle. Es wird eine große gemeinsame Schule von Vivantes und der Charité geben. Ich wurde schon vor geraumer Zeit angefragt, ob ich die Geschäftsführerin dieser neuen großen Schule werden will. Vivantes, die seit zwanzig Jahren auf dem Feld ist und eine tolle Arbeit macht und die Charité, mit einem großen Namen, zu dem sich die Menschen sehr verbunden fühlen, das wird für sie genauso schwer. Das heißt dann Berliner Campus für Gesundheitsberufe. Gut daran ist, dass die Pflege raus geht aus der Bindung zu einem bestimmten Haus, weil auch hier ein Bildungscampus entsteht, in dem die Bildung im Vordergrund steht und nicht mehr das Haus selbst. Und das finde ich gut, weil die Pflege sich unabhängig macht. Seit dem die Pflege in Deutschland ausgebildet wird, gehört sie immer irgendjemanden und die Pflege ist geprägt von der Kultur an einem Haus. Wenn wir in Zukunft Schulen haben, die niemandem mehr gehören, dann müssen wir wirklich darüber reden, was Pflege bedeutet, damit die ausgebildeten Pflegenden in die Welt gehen und eine Idee von ihrer Profession haben. Das, was dann ausgebildet wird, muss überall bestehen und nicht nur an einem Haus. Das ist eine völlig andere Haltung zu Pflege, die dann entsteht. Humboldt hat gesagt, „Bildung braucht Freiheit“. Und ich sage, die Bildung einer Profession braucht auch Freiheit.

Natürlich habe ich auch Bedenken gegenüber so großen Einheiten. Ich habe auch Bedenken gegenüber großen Konzernen allgemein, wenn es nur um das Erwirtschaften von Gewinnen geht. Das passt für mich nicht mit Gesundheit, Bildung und Wohnen zusammen. Ich wünsche mir, dass der Staat da mehr seine Hand drauf hält. Aus meiner Perspektive ist in diesen Bereichen ein Neoliberalismus überhaupt nicht angebracht. Vielleicht liebe ich meine Arbeit deshalb so sehr, weil ich in diesen Bereichen und bei mir ist das vor allem die Pflege, dafür kämpfen kann, dass das Menschliche nicht verloren geht.

Aber bereits jetzt in der Zusammenarbeit aus der Ferne, also die Vorbereitungen, ist es ein schönes Gefühl, zu merken, dass es auf die Profession und nicht auf den Ort des Lernens ankommt. Diese große Schule wird einen Strahlcharakter haben und ich denke wir werden in Zukunft Schulzentren bekommen, an denen wir generell Gesundheitsberufe ausbilden. Gerade dann wird es wichtig werden, auf die Dinge zu achten, die wichtig sind: nämlich den Professionsgedanken nicht aus den Augen zu verlieren.

Mein gesamtes Berufsleben bin ich dankbar, ob den Situationen, in denen ich Unterstützung durch andere erfahren habe. Mein Anteil ist, daraus zu lernen und und meine Erfahrungen bei der jetzigen Zusammenführung dieser beiden großen Schulen einzubringen. Vielleicht kann ich ein paar Sachen besser machen.

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