Teil 3: über das Arbeiten als Lehrerin

2003 wurde in Dresden der Studiengang „Lehramt an berufsbildenden Schulen für Gesundheit und Pflege“ eingeführt, den ich 2005 begann. Man musste noch ein gymnasiales Fach dazu nehmen. Das war bei mir Ethik und Philosophie. Am Anfang hatte ich Umweltschutz und Technik als zusätzliches Fach gewählt, aber da merkte ich bei Zeiten, dass Ethik doch besser wäre. Philosophie, naja. Das ist so ein Kapitel für sich.

Jetzt, da ich wieder in Deutschland war, ging auch wieder die Rennerei wegen des Geldes los. Bafög musste beantragt werden, denn ich hatte eine kleine Wohnung. Um im Semester nicht arbeiten zu müssen, habe ich meine Kontakte in die Schweiz genutzt und hab dort in den Semesterferien einen Monat lang gearbeitet und bin beschwingt nach Hause gekommen. Aber mit den Jahren gemerkte ich, dass sich dort auch ganz viel verändert hat. Das war dann nicht mehr so, wie zu der Zeit, als ich es verließ. Das Team ist auseinander gegangen, neue Kollegen kamen, die ich dann nicht kannte. Irgendwie lief das alles nicht mehr so glatt. Auch strukturelle Veränderungen waren zu erkennen, wie zum Beispiel ein Chefarztwechsel. Auch der Pflegedienstleiter hatte gewechselt und so konnte ich mich da auch ganz gut wieder von verabschieden. Das war ein verzögerter, aber guter Abschluss. Hätte ja auch sein können, dass ich das bedauere, weil alles so schön war.

In der Zeit hab ich meinen jetzigen Mann, kennengelernt und dann wurde Dresden immer mehr zu einem festen Punkt in meinem Leben. So bin ich sesshaft geworden.

Philosophie und Ethik sind nicht meins. Da hab ich mich durchgekämpft und bin froh, dass ich das irgendwie bestanden hab. Im pflegerischen Lehramtsstudium lernt man viel über Pflegedidaktik, aber das hat mit der Praxis wenig zu tun. Mit Darman-Fink und Ulrike Greb und ach Gott Strukturgitteransatz Greb, ich hab das nicht verstanden. Inzwischen ist es natürlich anders geworden. Durch die pädagogische Tätigkeit sehe ich das anders. Man braucht ja auch einen theoretischen Hintergrund. Nach Greb haben wir nie gearbeitet, sondern uns dann für den Ansatz von Darman-Fink entschieden, den ich persönlich auch besser finde, weil ich meine, dass man gerade die Empathie, die ja in dem Beruf so wichtig ist, besser lernen kann. Obwohl entweder man hat sie oder man hat sie nicht. Aber man kann lernen, eine Situation bewusster zu erleben.

Vor zwei Tagen kam ein Schüler zu mir und sagte „Dorit, ich wollte Blutabnehmen lernen und bat die Schwester darum, es mir zu zeigen und sie sagte ‚Nee, ich hab jetzt keine Zeit, frag jemand anderen.‘“ Da hab ich zu dem Schüler gesagt, dass er mal überlegen soll, warum sie es so gesagt haben könnte. Ich kannte ja jetzt nur seine Version der Geschichte. Aber er sollte sich in die Kollegin hineinversetzen und überlegen, was der Grund dafür sein könnte, warum sie so reagiert haben könnte. Was könnte sie in dem Moment gedacht haben? Gab es einen enormen Arbeitsaufwand? Oder war es eine Sympathiefrage? Vielleicht hat sie auch vorausgesetzt, dass er es in seinem Ausbildungsstand schon können müsste. Da sagte er „ja, das kann sein“.

In diesen Momenten, wenn ich mit meinen Schülern über solche Situationen reflektiere, dann fordere ich auch immer diesen Perspektivwechsel mit ein. Da relativiert sich dann auch ganz viel und das merken die dann auch. Aber in dem Moment des Geschehens geht das nicht. Man braucht immer etwas Abstand und im Nachgang guckt man da anders drauf.

Da merk ich, ich muss als Lehrerin nicht immer Unterrichtsinhalte streuen, sondern das, was gewinnbringend ist, ist ja das Diskutieren und Reflektieren.

Ab 2013 hab ich in der Uniklinik in Dresden angefangen zu arbeiten und war damit total glücklich, hab aber immer nur so befristete Verträge bekommen. Das war nicht gut, weil ich ein Mensch der Sicherheit bin. Irgendwann kam meine ehemalige Klassenlehrerin in unsere Schule und betreute dort eine Referendarin und sie sagte dann zu mir, „Dorit, wir suchen bei uns jemanden, eigentlich schon ab gestern, willste ni? Is allerdings ne befristete Stelle.“ Ich sagte, „nee, ich bin hier auch befristet.“ „Ja, aber nächstes Jahr gehen welche in den Ruhestand, da könntest du entfristet werden.“ Obwohl ich noch schwankte, hab ich innerhalb von sechs Wochen gekündigt. Dort wurde ich dann tatsächlich nach einem halben Jahr entfristet, allerdings wurde ich dann auch gleich an einem anderen Arbeitsort eingesetzt.

Über die Tätigkeit als Praxislehrerin als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis

Ich bin dort total zufrieden und unterrichte wie meine Kollegen an anderen Standorten außerhalb der Schule. Vor Ort bin ich mit meinen Schülern und meiner Praxisanleiterin allein. Meine Kollegen verteilen sich auf das Herzzentrum in Dresden, eine andere in der Lungenklinik in Coswig. Wir unterrichten alle das Gleiche, allerdings bringen wir jeweils eine Fachspezifität mit rein. Und ich bin in der psychiatrischen Klinik und unterrichte direkt vor Ort in Arnsdorf den pflegepraktischen Unterricht.

Ich bin Praxislehrer und ob das ein sächsisches Modell ist, weiß ich nicht. Ich bin direkt am städtischen Klinikum in Dresden angestellt und das Klinikum hat eine eigene Berufsfachschule. Und dieses städtische Klinikum hat Kooperationsverträge mit kleineren Kliniken, die keine eigene Schule haben. Die Schüler aus diesen peripheren Einrichtungen gehen in die gemeinsame Schule in Dresden und der Themenbereich zwei „Pflege“ läuft direkt am Krankenhaus im eigenen Unterrichtsraum und den unterrichte in Arnsdorf eben ich. Das ist fachpraktischer Unterricht. Die Theorie kann durch die Nähe zur Einrichtung exemplarischer dargestellt und vermittelt werden. Ich selbst arbeite an einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie, da hab ich natürlich ein bisschen weniger Möglichkeiten, denen somatische Besonderheiten, wie eine Herzkatheteruntersuchung, zu zeigen. Vieles läuft dann über Lehrvisiten zu bestimmten Erkrankungen oder anderen Therapeuten, die ich in mein Unterricht einlade und die dann über bestimmte Themen, wie Dysphagie oder Tracheostomapflege referieren.

Ich haben neben meinem normalen Unterrichtsraum noch einen praktischen Raum, mit Bett, Puppe, Verbandsmaterial. So dass sie das Handwerkszeug, wie Verbände anlegen, praktisch üben können. An sich selbst. Das kann die Schule nicht bieten, weil es die Räumlichkeiten nicht hergeben.

Und das war auch zu meiner Zeit schon so, dass wir den Hauptunterricht in der Schule hatten und diesen fachpraktischen Unterricht eben in der Praxis vor Ort. Das waren auch alles Fachpädagogen, also keine Praxisanleiter. Das war schon zu DDR-Zeiten so.

Über die Auswahl der Azubis und das Lernniveau in der Ausbildung

In Arnsdorf nehmen sie zehn Schüler pro Jahr auf, dann verdünnt sich das aber im ersten halben Jahr ordentlich. Der Vorwurf, dass erst einmal jeder genommen wird, stimmt. Aber von denen, die genommen werden, schaffen es eben nicht alle. Es gibt nach dem ersten halben Jahr eine Probezeitprüfung und bis dahin haben sich auch schon die ersten Noten angesammelt. In einem meiner Jahrgänge waren die Noten einmal sehr schlecht, also insgesamt. Und ich denke, dass wir uns keinen Gefallen damit tun, jeden zu nehmen. Manche sind nicht geeignet für die Gesundheits- und Krankenpflege, sie können aber in die Krankenpflegehilfe gehen, wo der Leistungsanspruch geringer ist.

Aber Pflegekräfte werden gebraucht und die Arbeitgeber nehmen jeden.

Letztes Jahr hatten wir eine Durchfallquote von insgesamt dreißig Prozent gehabt. Und wir haben im Lehrerkollegium überlegt, wie wir es schaffen können, dass sie in Zukunft bestehen. Wir haben jetzt eine Lernberatung und Nachhilfe eingerichtet, aber es nehmen weniger in Anspruch, als wir erwartet hatten. Diese Angebote werden nicht angenommen. Wir leisten eine gute Arbeit, aber irgendwann dürfen wir auch mal sagen „es liegt nicht an uns“. Obwohl das ja immer der einfachste Weg ist, zu sagen, es liegt an den Schülern.

Mit anderen Ausbildungsstätten bin ich persönlich nicht im Austausch. Über den Prüfungsausschuss weiß ich, dass andere Schulen ähnliche Probleme haben.

Pflegewissenschaft vermitteln

Das Fach Pflegewissenschaft hab ich total gern unterrichtet und Pflegeforschung hab ich am liebsten gemacht. Meine Schüler können nicht nachvollziehen, was ich daran so toll finde. Über quantitative Forschungsansätze wollte ich sie ein bisschen für mich gewinnen und hab sie eigene Forschungsprojekte durchführen lassen. Eine Gruppe setze sich mal vor einen Supermarkt und zählte wie viel weibliche und wie viel männliche Personen zu einer bestimmten Tageszeit da einkaufen gehen.

Die Prüfungsergebnisse waren in der Zeit in dem Fach recht gut. Also es ist niemand durchgefallen. Da hab ich schon gedacht, dass mein Ansatz nicht so schlecht gewesen sein kann. Aber es ist trotzdem nicht das Lieblingsfach von irgendjemanden geworden. Im Gegenteil, sie haben es immer in Frage gestellt und mich gefragt, „wozu brauchen wir das?“ Das musste ich dann begreiflich machen. Und an sich ist das ja auch gar nicht schwer, denn das, was wir da in der alltäglichen Arbeit machen und was wir in den Standards haben, also was ja das Instrumentarium auf jeder Station sein sollte, das ist ja wissenschaftlich alles fundiert. Das ist Pflegewissenschaft. Das ist ja der Unterschied zwischen Laienpflege und der professionellen Pflege.

Über die sozialen Kompetenzen als Lehrerin

Als Lehrer brauchst du Empathie, aber auch Konsequenz. Mir wird schon nachgesagt, dass ich streng bin, aber ich würde das eher als konsequent betiteln. Und fair. Und das ist nicht leicht. Und objektiv kann da ja niemand sein. Wir versuchen maximal objektiv zu sein. Bei schwachen Schülern sehe ich mir nicht nur das Ergebnis an, sondern auch den Prozess. Wenn ich sehe, wer kämpft und sich entwickelt, also das geht ja auch in die Benotung mit ein.

Über den Spaß an der Arbeit

Es gibt Tage, da macht das Unterrichten und die Zusammenarbeit so viel Spaß, dass ich in so einem Flow bin, dass ich vergesse zu essen und zu trinken. Und über Kopfschmerzen hinwegsehe. Und wenn ich dann nach sieben Stunden fertig bin mit unterrichten, dann sitze ich in meinem Büro bei der Nachbereitung und merke erst, wie k.o. ich eigentlich bin. Und wenn ich dann nach Hause komme, wartet dort ja die zweite Arbeit auf mich.

Über eine sinnvolle und spaßbringende Nebentätigkeit

Über eine Freundin habe ich Kontakte zum Westermann-Verlag knüpfen können und an einem Pflegebuch mitgeschrieben. Das ist ein Buch für die einjährige Ausbildung zur Krankenpflegeassistenz. Das ist ja auch noch mal was anderes. Das gibt es bei uns in Sachsen auch gar nicht. Bei uns gibt es die Krankenpflegehilfe, aber nicht diese Assistenz. Das ist ja auch Ländersache – diese Hilfeberufe. Und das mit dem Buch hab ich nebenher gemacht. Obwohl viel los war, aber das ist ja eine Referenz, die ich mir durch meine Mitautorinnenschaft geschaffen habe. Und da bin ich auch jetzt noch stolz drauf. Da hab ich schon Arbeit investiert, ohne mich tot zu machen. Also das hat mir sogar Spaß gemacht.

Ich hoffe ja, dass wir uns irgendwann vom Pflege Heute verabschieden. Das ist ja so der Klassiker. Ich mag das aber nicht.

Über Handlungskompetenzen und das lästige „Pflege bei …“

Ich sag zu meinen Schülern auch immer: Das erste Ausbildungsjahr ist das Wichtigste für Sie. Ab dem zweiten Jahr machen wir Prüfungsvorbereitungen. Alles, was ab dem zweiten Ausbildungsjahr vermittel wird (also pflege bei) ist alles Aufbau auf das erste Jahr. Im ersten Jahr hast du alle wichtigen Grundlagen, auf die dann im Detail aufgebaut wird. Kluge Schüler sagen dann, das haben wir schon mal gemacht. Es gibt aber auch immer genug, die sagen, davon noch nie etwas gehört zu haben. Deshalb ist es ja auch so schwer mit leistungsstarken und -schwachen in einer Klasse einen guten Mittelweg zu finden. Ich habe aber nicht die Zeit, um eine individuelle Förderung anzubieten.

Mein Ziel ist das wir dahin kommen, dass vor allem die Handlungskompetenz gefördert wird. Wenn ich einen Fall habe, z.B. ein Mensch mit Atemnot im Zimmer, dann sind die Handlungskompetenzen in jedem Ausbildungsjahr andere. Im ersten ist es wichtig, dass ich Hilfe hole und die Situation adäquat beschreibe, dass ich vielleicht noch Vitalzeichen messen kann. Im darauffolgendem Jahr sieht es dann schon anders aus. Im Abschlussjahr muss ich die Situation einschätzen und beurteilen lernen. Kann ich zehn Liter Sauerstoff geben, wenn z.B. eine COPD vorliegt? Also mein Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler beobachten und bewerten und dann adäquat, ausbildungsgerecht und selbstständig handeln. Mir ist es auch wichtig, dass sie ihre Grenzen kennen und einschätzen können, ab wann sie Hilfe holen müssen.

Über eines der wichtiges Handwerkszeuge in der Pflege: Beobachtung

Viele können gar nicht mehr beobachten. Sobald ich ein Zimmer betrete, scanne ich es von oben bis unten. Ich sehe, dass die Blumen die Köpfe hängen lassen, wie voll der Blasenkatheter ist und was da überhaupt drin ist. Ich sehe, wo die Pantoffeln stehen und wo der Hocker. Ich sehe, wie der Patient im Bett liegt und wie seine Hautfarbe ist. Und das passiert alles in Sekunden. Dieses Beobachten ist der erste Schritt. Das ist wichtig.

Wenn es um Beobachtung geht, dann bin ich auch ganz aktiv in der Klasse und humpel da auch mal vorne rum, damit meine Schüler lernen hinzusehen und zu beobachten. Ich nehme mich da zum Glück nicht so ernst und kann auch mal über mich lachen. Aber wo sehen sie denn mal auf der Straße bestimmte Gangbilder und wo haben sie denn mal die Möglichkeit diesen Gang länger zu beobachten?

Über Zukunftspläne

Dadurch dass ich das Referendariat in der Schwangerschaft und mit der Geburt des zweiten Kindes abgebrochen hatte, bedeutet das für mich, dass ich nur an Privatschulen arbeiten kann und an keiner öffentlichen Schule, weil ich eben kein zweites Staatsexamen hab. Seit kurzem gibt es aber die Möglichkeit, innerhalb eines Jahres das zweite Staatsexamen zu erlangen. Und das ist so mein nächstes Ziel für die nächsten fünf Jahre für mich persönlich. Das heißt nicht, dass ich meine jetzige Schule verlassen möchte, aber man weiß ja nie im Leben, für was das mal gut ist.

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