Gemeinsam radeln – ein Appell

Ich gebe es zu. Bis jetzt war ich verkehrspolitisch überhaupt nicht aktiv. Mich lauthals über unsinnige Ampelschaltungen oder fehlende Beachtungen von Fahradfahrer*innen im Stadtverkehr aufregen, konnte ich hingegen schon.

Schon als Kind bin ich oft stundenlang mit den Rad durch die Schweriner Wälder gegurkt, habe Radtouren zum See unternommen und bin später mit dem Rad zur Schule, zu Freund*innen, zur Uni, zur Arbeit, zum Einkaufen und an alle anderen Orte gefahren. Das Fahrrad ist mein Fortbewegungsmittel Nummer Eins.

An critical mass Freitagsdemos habe ich noch nie teilgenommen, aber hier und da für bessere Bedingungen unterschrieben.

Hier draußen hab ich viel Zeit, meinen Gedanken nachzugehen. Warum war ich all die Jahre nicht im ADFC? Warum schaue ich in Wahlprogrammen nicht nach dem Verkehr? Warum war ich nie auf einer Farraddemo?

Auf meiner Reise schob ich durch Sandwege, die offiziell als gut befahrbare Radwege gekennzeichnet waren, holperte oder kroch im Schneckentempo über Baumwurzeln, die sich zentimeterhoch durch den Asphalt kämpfen, flog über Schlaglöcher, die aufgrund von Sonne- und Schattenwechsel nicht sichtbar waren und stand plötzlich vor Stufen, weil der Radweg dorthin umgeleitet wurde. Es ist frustrierend. Und fahrlässig. Sowohl mein Rad, aber vor allem mein Körper nehmen Schaden durch eine Fahrradverkehrsplanung, die keine ist. Irgendjemand hat vergessen nachzudenken, als es darum ging den einen oder anderen Radweg zu planen, bauen oder umzuleiten.

Ich weiß, Vergleiche sind nie schön, aber ich kann nicht anders als meine Situation mit dem Autoverkehr zu vergleichen. Durch die Autostraße kriechen keine Wurzeln und wenn doch, wird der Asphalt dadrüber begradigt. Allen ist klar, was Schlaglöcher (am Auto!!) anrichten können. Die Strecken, auf denen schnell gefahren wird, sind glatt, breit, mehrspurig. Wenn ein Fahrradweg blind endet – zum Beispiel auf einer vielbefahrenen Bundesstraße, am Ostseestrand, an einem Feld oder mitten im Ort – kümmert das niemanden. So ein Rad kann ja schließlich überall fahren.

Auf meinem regelmäßigen Weg von der einen zur anderen Seite Leipzigs fahre ich an drei! weißen Rädern mit Blumen und Kerzen vorbei. Wenn ich ihnen ausweichen will und einen anderen Weg fahre, komme ich ebenfalls an weißen Rädern mit Blumen und Kerzen vorbei. Auf Anhieb fallen mir in der näheren Umgebung sechs solcher Mahnmale ein, von denen alle in den letzten fünf Jahren aufgestellt wurden. Sechs Fahrradtote in fünf Jahren und ich erkenne keine umgesetzte Maßnahme, die diesen Unfällen in Zukunft vorbeugen wird.

Vor dem Hauptbahnhof gibt es einen vierspurigen Stadtring und einen unsichtbaren Fahrradstreifen auf dem Gehweg, der für viele Besucher*innen (ist schließlich direkt vor dem Hauptbahnhof) nicht als solcher erkennbar und damit immer blockiert ist. Auf manchen Straßen pendelt der Radweg zwischen Straße und Gehweg hin und her und führt mal vor und mal hinter einer Straßenbahnhaltestelle entlang (z.B. Eisenbahnstraße). Von der Gefahr, die von “abgesenkten” Bordsteinen ausgeht, die trotz Absenkung nicht auf gleichem Niveau wie die Fahrbahn sind, sondern bis zu fünf Zentimetern in die Höhe ragen, ganz zu schweigen. Selbst im Straßenneubau erkenne ich keine integrativen Konzepte für eine vielfältige Mobilität.

Wenn Fahrradwege in allen Bundesländern gleichermaßen ausgebaut und ein umfassendes Netz erschlossen wird, macht der Radurlaub mehr Spaß und führt zu mehr Erholung. Wenn rechtsabiegende LKW-Fahrer*innen nicht mehr bangen müssen, jemanden zu Tode zu fahren, wenn Autofahrer*innen alle andere Verkehrsteilnehmenden frühzeitig und gut erkennen und deren nächste Handlungen einschätzen können, wenn Fußgänger*innen zwischen ihrem Weg und einer befahrenen Straße klar unterscheiden können, wenn Radpendler*innen auf kürzestem/schönsten/schnellsten Weg ins Büro, in den Kindergarten, zum Zug, ins Hotel, in die Klinik, in den Supermarkt und wieder nach Hause kommen, wenn Eltern ihre Kinder getrost mit dem Rad zur Schule fahren lassen können, dann gibt es ein bisschen weniger Krieg im Stadtverkehr.

Ich selbst erwische mich dabei, wie ich bei einer roten Ampel vom Fußweg auf die Straße oder umgekehrt wechsel. Oder wie ich ohne Handzeichen abbiege, weil ich meine, dass niemand in der Nähe ist. Ich fahre freihändig, telefoniere, träume oder fahre aggressiv, weil andere die Verkehrsregeln nicht eingehalten haben, weil ich es eilig habe, weil ich genervt bin von anderen Radler*innen, weil…. Weil es immer einen Grund gibt, etwas falsch zu machen. Ich beginne bei mir und werde sicht- und berechenbar für alle anderen.

Doch das kann nur die halbe Wahrheit sein. Mein individuelles Fahrverhalten kann nicht die Lösung für ein strukturelles Problem, für irreführende Wege, gefährliche Umleitungen oder für fehlende Spiegel an Ampeln sein.

Vor meiner Reise bin ich noch schnell dem ADFC beigetreten, um im Notfall jemanden erreichen zu können, der sich mit Farradnotfällen auskennt. Auf meiner Reise ist mir ein weiterer Grund zum Beitritt bewusst geworden. Eine Stimme. Wir Radler*innen brauchen eine Stimme. Ich möchte vertreten werden, wenn es in Zukunft um Verkehrsplanung geht oder um die Erschließung von Naherholungsgebieten und ich möchte eine laute Stimme! Ich kenne Leute, die sagen, sie fänden Radfahren in Städten zu gefährlich und nehmen deshalb lieber das Auto. Ey, wie toll wäre es, wenn wir diesen Personenkreis mit einem besseren und sicheren Verkehrsystem gewinnen können. Von der ökologischen und gesundheitlichen Dimension mal ganz abgesehen.

Werdet sichtbar. Werdet berechenbar. Haltet die Verkehrsregeln ein. Kommuniziert. Hebt die Hand zum Gruß, zum Dank oder als Entschuldigung. Bleibt nicht anonym. Vernetzt Euch und engagiert Euch. Tretet einem Farradverbund oder Eurem regionalen Fahrradverein bei. Wählt Parteien, die explizit eine gerechte Verkehrsplanung im Programm haben. Achtet auf die Schwächeren. Achtet auf Euch.

Und hier noch ein paar sinnvolle Links (natürlich unvollständlich- schreibt gern weitere Tipps und Links in die Kommentare):

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