Teil 2 – Ich bin da sehr korrekt! Praxisanleiterin

Vor fünf Jahren habe ich mit der Ausbildung zur Praxisanleiterin angefangen. Ich wurde angefragt und hab das gemacht. Die Ausbildung fand ich nicht so knacke. Das war mir ein bisschen zu wenig. Es ist aber auch nicht so, dass wir Praxisanleiter in dem Sinne sind, wir sind eigentlich Mentoren. Wir leiten an und wir begleiten die Schüler die ganze Zeit. Viel Struktur ist in dem System noch nicht. Das mache ich alles nebenbei. Dafür gibt es kein Frei und keine zusätzliche Vergütung. Mir macht das aber sehr viel Spaß, vor allem mit motivierten und engagierten Schülern.

Wir als Praxisanleiter sitzen auch mit drin in den Bewerbungsgesprächen. Das finde ich auch gut, dass wir als Praktiker in diesen Prozess mit involviert werden. Unsere Pflegedienstleitung sagt ja auch, ihr müsst das einschätzen, denn ihr müsst nachher mit denen zusammenarbeiten und klar kommen. Und wenn ich schon sage, dass ich kein gutes Bauchgefühl bei der einen oder dem anderen habe, dann brauchen wir da nichts in Gang zu setzen. Ich denke, man kann es dem Personal durchaus zutrauen, solche Entscheidungen zu treffen, denn die haben ja Erfahrungen. Für die Entscheidungen setzen wir uns zusammen und treffen sie zusammen.

Wer eigentlich in die Pflege will, für den ist OP nichts. Und umgekehrt. Trotzdem ist es wichtig, einen Einblick in die Pflege zu erhalten. Zu Beginn der Ausbildung gehen sie daher auch auf die Station, um Patientenkontakt zu haben, die Vor- und Nachbereitung einer OP kennenzulernen, damit sie nicht aus den Augen verlieren, dass es die ganze Zeit um Menschen geht. Das geht ja schnell bei uns im OP. Also das aus den Augen zu verlieren. Das merkst du auch bei manchen, die lange im OP sind, dass die vergessen, dass da ein Mensch liegt. Ich sage meinen Schülern auch immer, stell dir mal vor, du liegst hier. Mach es immer so, als wenn du da liegen würdest.

Ich weiß nicht, aber die Generationen, die jetzt so folgen, da wird das immer schwieriger. Die sind ja auch anders geprägt, ne? Dieses Gefühl für das Füreinander baut sich ab. Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt richtig ausdrücke. Man muss es ihnen sagen und sie regelrecht darauf hinweisen. „Guck mal da.” „Mach das so.“ „Das kannst du hier nicht so laut sagen.“ Viele sind aber auch dankbar für solche Rückmeldungen.

Schön finde ich auch zu beobachten, wie sie sich über die drei Jahre entwickeln. Meine erste Schülerin kam von der Schule und war noch recht jung und schüchtern. Sie hat sich enorm gemacht in der Zeit. Sie ist in ihrer Persönlichkeit enorm gereift. Auch mit der zunehmenden Sicherheit. Sie hat dann als beste des ganzen Jahrgangs abgeschlossen. Sie hat gesagt „Heike, alles was ich kann, hab ich Dir zu verdanken.“ Da hab ich fast geheult. Ich hab ihr die Sachen, eins, zwei mal erklärt, dann noch mal drüber geschaut, sie hat sofort alles aufgenommen. In der Mitte der Ausbildung hab ich sie mir mal zur Brust genommen und hab sie gefragt, „was kommt denn nach der Ausbildung?“ Sie wusste es nicht und ich sagte „Ich seh‘ dich eigentlich im Studium. Ich seh‘ dich im Medizinstudium.“ Kurze Zeit später nahm sie mich dann zur Seite und erklärte mir, dass sie eine Zusage aus Marburg für das Medizinstudium hätte. „Was ist mit deiner Ausbildung?“, wollte ich dann wissen. Sie hätte alles geklärt, kann das ein Jahr lang ruhen lassen und später beginnen. Sie machte erst mal die Ausbildung fertig. Und sie sagte: „Weißt du was Heike, du bist wahrscheinlich die einzige, die sich darüber freut.“ Das war einfach ihres. Sie hätte nicht als OTA arbeiten können. Sie war einfach viel zu schlau.

In den Semesterferien hat sie bei uns gearbeitet und sie sagte, dass es so schön sei, wieder zu arbeiten. Und ich finde es super, dass sie die Ausbildung gemacht hat. So kann sie nebenbei arbeiten und selbst Geld verdienen. Und ich will wissen, wo sie sich später mal niederlässt, wenn sie Ärztin ist.

Ich habe dann mit durchgesetzt, dass unsere Schüler auch in die Anästhesie und in den Aufwachraum gehen. Ich will, dass sie die andere Seite auch kennenlernen. Dabei lernen sie auch, zu springen. Erst mit Begleitung, dann allein. Dann machen wir noch eine kleine interne Springerprüfung und wenn sie die bestanden haben, erhalten sie eine Schere mit ihrem Namen drauf. Dann zücken sie immer die Schere und alle wissen „ah ok, Springerprüfung bestanden“. Das sind so kleine Routinen und Highlights, die wir eingeführt haben. Sie gehen auch in den Steri für ein paar Wochen.

Wir arbeiten nicht mit der Schule zusammen. Das ist auch keine richtige Schule, sondern ein Berufsschulzentrum und die Lehrer dort sind auch keine gelernten Krankenpfleger, sondern Berufsschullehrer oder Medizinpädagogen, aber die geben sich sehr viel Mühe. Es ist allerdings zum Teil theoretisch veraltet. Doch dafür sind sie auch in der Praxis, um immer auf dem neusten Stand zu bleiben. Und es gibt ja auch online Wissensportale, die zugänglich sind. Als Mitarbeiter können wir uns da einloggen und auch die Bibliothek dort nutzen. So können sich die Schüler unabhängig von der Berufsschule machen, zumindest, was die Wissensaneignung betrifft.

Nach dem Steri kennen sie die Instrumente und können an den Tisch. Und da waschen wir uns immer mit. Bei uns steht niemand allein am Tisch zu Beginn. Das finde ich persönlich einen guten Kurs. Wir als Anleitungsteam haben eine gute Unterstützung von unserer Chefin.

Das ist der eine Part. Und jetzt gab es dieses Pflegestärkungsgesetz. Da wurden viele eingestellt, die im OP nicht so viele Vorkenntnisse haben und die alle parallel eingearbeitet werden müssen. Du hast zwar zum Beispiel vier Leute im Saal, aber nur zwei, die wissen, was zu machen ist. Das geht gar nicht gegen diese Leute, die können das einfach nicht wissen und müssen eingearbeitet werden, aber das macht es schwer. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Eine Staffelung mit den Einstellungen wäre gut gewesen. Wahrscheinlich hat man da gedacht, dass man schnell handeln muss und schnell neue Leute einstellen muss, weil man vielleicht dachte, dass es später nicht mehr möglich sein wird. Weiß ich nicht.

Wechsel gibt es ja immer. Selbst Kolleginnen, die woanders schon lange gearbeitet haben, kommen bei uns eventuell nicht so zurecht. Wir haben viele Fachrichtungen. Ich glaube, es sind zwölf Fachrichtungen und überall unterschiedliche Ärzte, die es anders haben wollen. Das musst du dir erst mal merken. Das hast du irgendwann drauf. Ich sag immer „die Einarbeitung dauert zwei Jahre.“ „Was? Zwei Jahre?“ ,kommt dann immer. „Ja, zwei Jahre“. Also bis du wirklich alles drauf hast, dauert es so lange.

Neulich bei der Zählkontrolle fehlte eine Kompresse. Und die Kollegin wurde immer nervöser. Sie räumte die Instrumente immer wieder hin und her. Ich sagte: „Jetzt ist mal gut. Wir finden die Kompresse. Mal langsam.” Und wir haben sie dann nachher auch gefunden. Und das war mir wichtig, dass wir das in Ruhe machen. Da bin ich aber auch kurz ausgerastet. Denn in dem Moment, wo wir die Zählkontrolle machten, ließ sich die Assistenzärztin neue Kompressen für den Verband von der FSJlerin anreichen. Und da hab ich die FSJlerin zusammengefaltet, obwohl ich sonst nicht so bin. Naja, zusammengefaltet hab ich sie auch nicht. Ich hab gesagt „Pass mal auf, du kannst keine neuen Kompressen anreichen, während wir hier noch so viele haben und gerade eine Zählkontrolle machen.“ Das wusste sie nicht. Ist ja auch ok. Also im Nachhinein wusste sie es dann schon. Wenn die denn hinterher sagen „Heike wieder“ das ist mir relativ egal. Das muss schon korrekt sein. Gerade so etwas.

Vielleicht bin ich auch zu ehrgeizig, weil ich es sehr genau wissen will und jeden Schritt ganz genau erkläre. Warum mache ich etwas so und nicht so. Viele sind dann auch genervt von mir. Ich hab da kein Problem mit. Viele sagen dann so beschwichtigend „ja Heike, wissen wir“. Das sagen auch die Ärzte. Ist denn so. Es soll halt korrekt sein.

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