Umdenken: vom Bus zum Rad

Die Reise mit meinem Bulli hat sich nun endgültig erledigt. Bis zuletzt habe ich gehofft und fest daran geglaubt, dass es klappen wird. Ich habe eine Werkstatt gefunden, die mir den Motor reparieren und sich auch um alle anderen größeren und kleineren Huddeleien kümmern würde. Bereits auf dem Weg zur Werkstatt kehrte allerdings ein altes Problem zurück, von dem ich dachte, dass es behoben sei… Aber nein. Dann der Kostenvoranschlag von viel zu viel Euronen und damit war dann der Traum aus. Ich hätte die Taler gehabt und wäre bereit gewesen, sie für meinen Bus und für die Reise zu investieren, aber ich werde auch nach der Reparatur keine Sicherheit haben, ob die Fahrt so stattfinden kann. Zu unberechenbar war der Bus in der Vergangenheit. Wenn ich diese Summe für einen alten Karren hinlege, dann gern mit der Sicherheit, dass ich eine störungsfreie Reise habe.

Ich saß eine Weile mit meinem Mitbewohner im Bulli und wir haben über das Reisen im Bus gesprochen, als ich zum Scherz meinte, dass ich die Reise einfach mit dem Fahrrad mache. Aus dem Scherz wurde blitzschnell ein Gedanke und über Nacht eine Entscheidung. Zwei Tage später hatte ein Tourenrad und wiederum zwei Tage später – über das Osterwochenende – hab ich eine kleine Probetour in die sächsische Schweiz unternommen.

Alles ist anders. Aus viel wird wenig. Aus einigermaßen schnell wird langsam. Aus einem sicheren Schneckenhaus wir ein Nichts. Ich bin zu einer Nacktschnecke mutiert. Wo ich vorher eine zweite Kuscheldecke, einen Sonnenschirm, zwanzig Liter Wasser, mehrere Paar Schuhe, sogar einen Tisch, einen Stuhl und eine komplette Küchenausrüstung einplante, wird jetzt außer einem Schlafsack, zwei Trinkflaschen, zwei Sport-Shirts und einem Taschenmesser nichts mehr übrig bleiben. Ich werde mich minimalisieren und ich weiß, es wird kein Problem sein. Am Ende werde ich feststellen, dass ich sogar für diese Reise zu viel eingepackt habe und dass ich mit noch weniger ausgekommen wäre.

Um meine Unterkunft mache ich mir allerdings mehr Gedanken. Wie groß kann ein Zelt sein, damit ich es gut transportieren kann und wie klein kann es sein, damit es noch all meine Bedürfnisse befriedigt? Zum Glück haben sich im Laufe meines Manchmal-Outdoor-Lebens alle notwendigen Utensilien angesammelt, so dass ich meine Grundausstattung nicht zu kaufen brauche. Ein praktisches Einpersonenzelt, das nicht viel mehr als ein erhöhter Schlafsack ist und in dem ich am vorderen Ende im Schneidersitz sitzen kann, begleitete mich bereits auf mehreren meiner Rucksacktouren. Es ist klein, leicht und handlich. Noch kleiner und leichter und handlicher ist das Zelt eines Freundes, das er mir für meine Reise leihen würde. Als drittes hab ich ein Zweipersonenzelt, das sogar ein Vorzelt hat, aber dafür auch wesentlich sperriger ist. Ich hab die Zelte in „erprobt“, „mini“ und „luxus“ unterteilt. „Mini“ ist mir tatsächlich zu klein, da ich all meine Fahrradtaschen mit ins Zelt nehmen möchte. Dann wäre allerdings für mich nicht mehr viel Platz. Ich könnte vielleicht davor schlafen? Grübel. Bei Regen würde – sobald ich das Zelt öffne – das Wasser direkt in den Wohn- und Schlafbereich tropfen, was ich sehr unangenehm finde. Diese Platz- und Regenproblematik findet sich auch bei „erprobt“, nur hat dieses den Vorteil, dass der Eingang vorn ist und nicht an der Seite, wie bei „mini“. Ich könnte all meine Sachen nach hinten werfen, womit sie schon mal nicht nass würden. “Mini“ hat den Eingang an der Längsseite, was ich mir bei Regen wirklich sehr unpraktisch vorstelle, weil dann alles sofort nass würde. Ich tendiere sehr stark für „luxus“. Ich hätte einen abgetrennten Schlafbereich und eben das Vorzelt. Obwohl alles so aussieht, als würde der letzte Jahrhundertsommer durch einen neuen abgelöst werden, rechne ich mit wochenlangem Regen. Daher ein weiterer Vorteil vom Luxuszelt: Ich baue erst das Überzelt auf und danach das Innenzelt. Ist bei Regen megapraktisch. Bei den anderen beiden Zelten war es genau andersherum. Dafür ist „luxus“ sehr schwer und irgendwie auch klobig. Ob ich mir den Luxus vom Platz her leisten kann, werde ich sehen, wenn ich alle Gepäcktaschen habe und die ersten Packversuche unternehme.

Ohne Zelt, aber dafür mit ein bisschen Gepäck hab ich meine Probefahrt in die sächsische Schweiz unternommen. Ab Riesa bin ich den Elberadweg flussaufwärts circa 75km bis Pirna gefahren, dann bis Bad Schandau mit dem Zug, um von dort aus wieder mit dem Rad nach Sebnitz zu fahren. Die letzte nur zwölf Kilometer lange Strecke war mit ihren 300 Höhenmetern die härteste. Ich hab sie geschafft, ohne Schieben und ohne von einem viel zu nah an mir vorbeisausendem Auto in der Serpentine mitgerissen zu werden. Ich habs überlebt.

Erkenntnisse dieser Reise:

  • Muskeln erholen sich innerhalb von zwei oder drei Minuten.
  • Nicht in allen Zügen in Sachsen fährt mein Rad kostenfrei mit.
  • Es wird sich nicht gegrüßt. Auch nicht, wenn wir uns beide bergauf abstrampeln, Leid und Erfahrung teilen.
  • Die eigentlichen Dramen unserer Menschheit spielen sich an den Eingängen von Zügen ab (ok, ich gebe zu, diese Erkenntnis kam mir nicht erst auf dieser Reise).
  • Seitenwind auf Bundesstraße ist scheiße.
  • Vollgepacktes Rad im Zug auch.
  • 100 km am Tag sind machbar.
  • Bergab an der Bundesstraße ist anstrengender und beängstigender als bergauf.
  • „Baby on board“-Aufkleber schützt nicht vor ekelhafter und menschenverachtender Fahrweise.
  • Die Menschen, die am sächsischen Elberadweg leben, sind unfassbar zuvorkommend und freundlich.

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