Tagebuchimpressionen#1

Ich kann es kaum erwarten, bis die Reise losgeht. Stecke tief in den Vorbereitungen und bin gestern über einen Tagebucheintrag gestolpert, den ich mit Mitte Zwanzig erstellt habe:

Fremde

Komme gerade von einer Party wieder. Es ist kurz nach Mitternacht. Früher weg. Selten so einsam gewesen.

Ich saß mit anderen Studies zusammen, die sich hach so welterfahren fühlten. Die meisten kannten sich nur oberflächlich. Studienfächer und Lebensstile dominierten das Gespräch, genauso wie einige wenige besonders Wichtige. Ich war fertig, kam vom Spätdienst. Mein Kopf schwirrte. Als die selbsternannten Weisen von mir wissen wollten, was ich denn so mache, war meine Antwort nicht interessant genug, sondern rief altbekannte Phrasen hervor. “Oooh, Pflegen.” Stille. “Also ich könnte das ja nicht” Gähn. “Also, Respekt, dass du das machst. Echt. Aber ich könnte das nicht.” … “Alte Menschen waschen.” Dann wurde wieder von irgendeinem hippen coolen Scheißprojekt erzählt und mein Auftritt war beendet, bevor er losging.

Zwischen denen und mir gab es keine einzige Verbindung. Mein Alter, meine Blase, meine Leute. Und doch wurde an diesem Abend die Kluft zwischen uns zum Bermudadreieck. Die Brocken, die wir uns zuwarfen, verschwanden im Nichts. Ich ging. Auf dem Weg nach Hause erst wurde mir bewusst, was diese Kluft ausmachte. Ich habe heute das Leben begrüßt. Und verabschiedet. Innerhalb einer Stunde. Ich habe dabei zugesehen, wie ein Mensch ankam, die dunklen Augen ins Nichts blickten, weil es für sie noch nichts zu erblicken gab. Wie Reflexe das Überleben sicherten. Und ich spürte einen Puls schwächer werden. Spürte das Lebens leiser werden.

Ich nahm den Kopf des Kindes und legte ihn sanft, aber mit Druck auf die Brust der Mutter. Immer wieder das gleiche Wunder eines wenige Minuten jungen Lebens, das sich – sobald es ihm angeboten wird – mit dem notwendigsten selbst versorgt. Ich stand also da, neben dieser neuen und zugleich alten Einheit, die sich in dieser getrennten Form erst wieder finden musste. Glücks beseelt und gleichzeitig im Stress tastete ich nach dem Uterus, der sich schlagartig mit dem ersten Saugen des Kindes zu einem steinharten Muskel kontrahierte. Das zweite Wunder innerhalb weniger Augenblicke. Der große Mensch gab dem kleinen Schutz und Nahrung. Der kleine Mensch bewirkte durch seine Nähe eine Blutstillung im Leib des großen Menschen. Beide wussten es wahrscheinlich nicht, aber beide retteten sich in jenem Moment gegenseitig das Leben – seit tausenden von Jahren.

Ich wechselte das Zimmer, denn hier gab es für mich zunächst nichts mehr zu tun.

Im Nebenzimmer lag eine Patientin, die ich bereits mehrere Tage betreute. Ich nenne sie Hanne.

Ich war nicht lang in ihrem Zimmer, vielleicht fünfzehn Minuten. In dieser Zeit verstarb Hanne. Ich spürte es und blieb stehen. Ich hielt ihre Hand und spürte das Leben langsam von ihr gehen.

Einiges war in den Tagen zuvor nicht so rund gelaufen, wie es laufen sollte. Hanne lag auf einer gynäkologischen Station, obwohl ihre aktuellen Beschwerden Atemnot und eine zu geringe Sauerstoffsättigung waren. Sie hatte Lungenmetastasen, aber weil der Primärtumor in den Bereich der Gynäkologie fiel, lag sie bei uns. Ihr Lebensgefährte entschied irgendwann, sie nicht mehr zu besuchen, als er sah, dass es ihr schlechter ging. Er hielt es nicht mehr aus. Ich verurteile es nicht. Es gehört einfach zur Geschichte. Sie wurde einmal für einen Tag verlegt: mit viel Aufwand, wenig Kommunikation und viel Verunsicherung bei Hanne. Wir versäumten es, ihrer Schwester Bescheid zu geben.

Als Hanne noch aktiver war, war sie eine anstrengende Patientin, zumindest war das Konsens im Kollegium. Hanne hatte Luftnot, hat daher jedes Mal, wenn sie keine Luft bekam, geklingelt, in der Hoffnung, wir könnten für Abhilfe sorgen. Konnten wir nicht. Zumindest nicht ausreichend. Es half oft, wenn ich für ein paar Minuten bei ihr stehen blieb. In den darauffolgenden Tagen habe ich ihre Betreuung übernommen. Ich war es auch, die versäumte, ihrer Schwester Bescheid zu geben.

Ihre Schwester hingegen entpuppte sich für mich zum Glücksfall. Sie war jeden Tag da und als ich nach einem längeren Frei und nach einer sichtbaren Zustandsverschlechterung von Hanne wieder in den Dienst kam, war die Schwester bereits mittendrin in der Sterbebegleitung. Mittlerweile hatte Hanne einen Morphinperfusor und der Reanimationsstatus war geklärt: Keine Verlegung auf die Intensivstation. Keine Reanimation. Hanne durfte sterben, wenn es so weit sein sollte.

Hannes Schwester war ausgebildete Sterbebegleiterin und sie war ein spiritueller Mensch. In den letzten Tagen meditierte sie viel im Zimmer von Hanne und immer wenn ich in das Zimmer kam, ermöglichte sie Hanne eine andere Reise. Für mich war die Stimmung beklemmend, weil ich mich fehl am Platz fühlte. Die beiden machten eine gemeinsame Reise, zu der ich nicht dazugehörte. Allerdings war es meine Aufgabe, mich zu vergewissern, wie es beiden (ja, beiden) ging.

Ich ging also – noch nach Neugeborenem riechend – in das Zimmer von Hanne und ihrer Schwester. Der Morphinperfusor lief und ich hatte einen Spielraum, in dem ich agieren konnte. Hanne stöhnte vor Schmerzen, war sonst nicht mehr ansprechbar, zumindest nicht in meiner Welt. Ich stellte das Morphin hoch (das Maximum war noch nicht ausgeschöpft), bettete sie neu auf ihrem Kissen und wartete ab, ob das Stöhnen nachließ. Es ließ nach. Das Atmen ließ auch nach. Der Puls, den ich in meiner Hand spürte pochte noch lange weiter, bis er schwächer wurde. Auch das war ein Wunder. Der Tod kam nicht plötzlich. Er kündigte sich an. Er gab den Schwestern Zeit, sich voneinander auf eine wundervolle Art und Weise zu verabschieden. Und als Hanne mit dem Atmen aufhörte, lebte ihr Körper langsam zu Ende.

Hanne war heute meine erste Patientin, die verstarb.

Das war die Kluft. Das was ich erlebte, war keine Partyanekdote. Es war mein Job. Vielleicht nicht cool. Aber voller echter Weisheiten.

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