Freiburg-Donaueschingen

Meine Zeit in Freiburg war schön und lang. Eine sinnvolle Mischung aus Freund*innen, Familie und Arbeit. Doch es wurde auch Zeit weiter zu ziehen. Und ich hatte große Lust, denn wie an allen Orten, zog mich die Sehnsucht in die Ferne. Ich freute mich wieder aufs Radeln, auf die Weiten, auf das Unbekannte.

In Freiburg selbst kam ich morgens gut los und fuhr nicht – wie ursprünglich geplant – nach Breisach, sondern nahm den Weg über Staufen und Heitersheim nach Grießheim an den Rhein. Von dort aus wollte ich Richtung Basel, um dann in Lörrach auf den Campingplatz zu bleiben. So weit der Plan. Der Weg war weit und meine Südschwarzwaldfahrradkarte nicht detailliert genug. Also plante ich viel Zeit ein, fuhr früh los und erstmal eine ganze Weile bergauf. Der Sonnenschein am Morgen ließ einen heißen Tag vermuten.

In Staufen war ein buntes Treiben. Es war Samstag und wahrscheinlich sah es dort jeden Samstag so aus – so wie der Freiburger Markt oder die Innenstadt jeden Samstag wie ein Volksfest wirken. So war es auch dort. Ich taumelte und ein Mensch auf einem Rad sprach mich an, ob ich Hilfe bräuchte. Ja. Nein. Doch. Also anhalten, Karte raus, Weg zeigen lassen. Der kürzere sei der nicht so schöne und der kompliziertere, der längere wäre schöner, aber es gäbe noch einen, nämlich…. Uff. Zu viele Infos. Ich wollte nur wissen, ob ich richtig war und in welche Richtung ich wieder aus Staufen herausfinden konnte, ohne im Kreis zu fahren. Ich bedankte mich für die vielen Infos, wollte aber nur noch schnell weg. Ich schob das Rad durch die Menge und keine zwei Meter weiter stoppte mich eine Frau. Sie fände es ganz toll, was ich da mache, ihr Mann kam dazu, lief mehrmals um mein Rad und begutachtete mich. Wie auf dem Viehmarkt. Sie erzählten ungefragt von ihren Reisen und wollten wissen, wo ich denn hin will. Ich wurde ungeduldig. Sagte freundlich danke und so und schob weiter. Ja, es war Samstag und die Leute hier in bester Freizeitlaune, ich aber wollte doch einfach nur zum Rhein.

Am Rhein angekommen (die Sonne stand mittlerweile hoch oben und knallte), musste ich mit Ärger feststellen, dass der Weg gesperrt war. Es war ein Umweg von fünf Kilometern. Alles halb so wild, aber ich ärgerte mich zunächst trotzdem. Die Stelle, an der ich da am Rhein gelandet war, war flach. Es liefen Menschen durchs Wasser, andere badeten. Ich fuhr herunter zum Wasser und machte eine Pause. Was sollte auch das Ärgern, wenn hier alles so schön war?

in Grießheim am Rhein
links: Beschreibung der Umleitung auf A4-Größe am Rhein; rechts: Abkühlung für alle

Ich setzte mich erst an, dann in den Rhein, dann ging es weiter die Umleitung entlang einer Bundesstraße. Ich wurde angehupt und gestreift, dann endlich wieder auf dem richtigen Radweg.

Mein Wasser neigte sich dem Ende und bei Bad Bellingen hielt ich an einer Sportplatzkneipe. Die Gäste dort waren nervig und das Personal super unfreundlich. Ich traf dann aber doch noch auf eine Kellnerin, die sich als der erste von zwei Engeln des Tages herausstellen sollte. Sie verkaufte mir kein Wasser, sondern erklärte mir den Weg zu einem nahegelegenen Supermarkt, wo ich sicherlich viel günstigere Getränke bekäme. Ich folgte ihrer Beschreibung und kam an folgendem Wegweiser vorbei: links herum: Lörrach 21 km, geradeaus: Lörrach 25 km. Ich dachte, cool! Ich nehm den direkten Weg nach Lörrach und tucker nicht erst nach Basel. Von Bad Bellingen kannte ich nur den Bahnhof, sonst nüscht. Innerhalb des Ortes und den Schildern folgend ging es zwölf bis fünfzehn Prozent bergauf. Den Supermarkt fand ich nicht. Ein Zurück gab es jetzt auch nicht mehr – gibt es nie! Also weiter. Ich kam dem Ortsende entgegen und musste irgendwie an Wasser kommen, bevor ich wieder allein in der „Wildnis“ war. Plötzlich waren keine Menschen mehr in ihren Vorgärten. War nicht eben noch alles voll? Ich entdeckte eine Frau, die gerade einparkte und zum Haus ging. Ich rief ihr zu, fuhr schnell – naja so schnell bergauf nun mal möglich war – und fragte nach Wasser. Nein, das ginge nicht. Sie sei nur zu Besuch und könne nicht darüber entscheiden, ob sie mir Wasser geben kann oder nicht. Und dann verschwand sie auch schon in das schicke Designerhaus. What? Das war nicht ihr Ernst. Sie kann was nicht?

Ich stand da und traute meinen Ohren nicht. In dem Haus fand ein Kindergeburtstag statt und im Garten tobten die Zwei- bis Achtjährigen. Der Garten war von mir aus nicht einsehbar, weil die Straße unterhalb des Grundstücks verlief. Wir befanden uns noch immer am Hang. Es kam dann aber der zweite Engel des Tages an den Gartenzaun, er habe mich schon von Weitem gesehen. Eine Scharr Kinder um ihn herum. Er war der Papa des Geburtstagskindes, begrüßte kurz die Ich-kann-Ihnen-kein-Wasser-geben-Frau, wandte sich dann mir zu und fragte „Kann ich Dir etwas Gutes tun? Du siehst erschöpft aus.“ Halleluhja! „Oh ja sehr gern. Ich brauche frisches Wasser.“ Ich sagte das kraftloser, als ich war, wahrscheinlich, weil die Hilfe so nah war. „Kann ich mit noch etwas dienen? Toilette? Internet? Essen?“ Wow. „Nein, Wasser reicht mir vollkommen aus.“ Er verschwand, die Kinder blieben. Wir unterhielten uns über das Geburtstagskind, das nicht mit bei uns stand. Er kam zurück mit meinen – jetzt mit kaltem Wasser aufgefüllten – Flaschen und einem Muffin. Wir standen noch kurz zusammen am Tor, ich aß den köstlichen Muffin und wir redeten übers Radeln. Er sei ein Radlerfreund, seit kurzem fahre er mit seinen Kindern am Rhein entlang und wollte auch wieder längere Touren machen. Es sei ihm eine große Freude, mich auf meiner Tour zu unterstützen.

Ein Kind wurde von oben, von dem nicht einsehbaren Garten von einer dieser Designermütter gerufen. Es antwortete nicht, sondern war sich unsicher. Der Name erklang noch mal. Dann rief es, er sei „hier“. Dann Stille. Das Kind rang mit sich, wollte bleiben, aber wusste auch, es müsse zur Mutter. Der Fahrradfreundvater rief „ich bin auch hier unten“. Dann gelöste Stimmung auf allen Seiten. Hätte ja sein können, dass die Fahrradlady, die Wasser schnorrt auch noch ein Kind mitgehen lässt. Mein Engel passte nicht in diese Welt. Ich fuhr weiter, kämpfte mich weiter bergauf, drehte mich noch mal um. Jetzt konnte ich den Garten und Designerneubau einsehen. Eine große Runde Feiergesellschaft blickte mir hinterher, aber nur einer lachte und winkte. Mein Engel.

Der Himmel zog sich zu, die Luft wurde dicker, in der Ferne sah ich Regen. Es ging immer weiter bergauf und ich verstand nun, den Raum. Am Rhein entlang wäre der Weg weiter, aber dennoch wäre ich schneller vorangekommen. Zwar ging der eine oder andere Hügel auch mal wieder bergab, was mir ein wenig Abkühlung verschaffte, aber insgesamt trampelte ich mich in den Schwarzwald rein. Ja, es war anstrengend, aber auch ein bisschen geil. Es wurde windiger und kühler. Ich schwitzte mich immer nasser. Nach Lörrach rein, ging es dann steil bergab. Fast schade, wie schnell die Höhenmeter wieder fallen.

Lörrach von oben

Zelt aufbauen, Essen, schlafen. Nachts dann das Gewitter. Also doch nicht schlafen.

Aus Lörrach, durch Basel und Wyhlen. Der Weg hier am Rhein war nicht schön. Einmal fluchte ich zu laut, da hielt einer an und fragte mich, ob ich Hilfe brauchte. Er begleitete mich zehn, fünfzehn Kilometer und navigierte mich durch Ortschaften, in denen ich bestimmt wieder verzweifelt wäre. Er war sportlich, Mitte Fünfzig und fuhr trotzdem E-Bike. Wir unterhielten uns lang darüber und ich fragte, was der Sinn an schneller, weiter, höher sei. Darum ginge es nicht. Seit er das E-Bike habe, führe er mehr mit dem Rad. Wenn er früher mit dem Mountenbike durch den Schwarzwald bretterte, dann sei er mit dem Auto zu einem bestimmten Punkt und von dort aus los. Jetzt starte er von zu Hause aus. Seine Frau und er könnten jetzt auch besser zusammen fahren, weil sie sich mit dreißig und er sich mit zehn Prozent unterstützen lasse. Jetzt wären sie quasi auf dem gleichen Leistungsniveau. Außerdem interessiere ihn die Technik, es sei ein bisschen wie ein Hobby, ein Spielzeug.

zwischen Schwörstadt und Wallbach

Unsere Wege trennten sich in Beuggen, von da an wurde der Rhein traumhaft. Türkisfarbenes und klares Wasser. Eine Augenweide, so dass ich die Wehre und Kraftwerke gar nicht wahrnahm.

links: Laufenburg; rechts: Rheinwasser

In Waldshut kam ich recht früh an, wodurch ich mal ein bisschen was von meinem Tag hatte. Es war heiß und ich verkroch mich ins Innere und arbeitete.

Die Nacht war heiß. Ich lag auf meinem Schlafsack und ließ alle Zelttüren offen.

Am nächsten Morgen die immer selbe und Halt gebende Routine: Bad, Zusammenpacken, Zelt abbauen, Taschen ans Rad klicken und los.

Wutach

Ich radelte der Wutach entgegen und schlängelte mich somit – mal wieder – immer tiefer in den Schwarzwald. Mein heutiges Tagesziel hieß Donaueschingen. Die Donau sollte meine letzte Etappe werden. Ich radelte also meinem Endspurt entgegen. Wie die letzten Wochen war es auch an dem Tag heiß. Und ich legte Höhenmeter um Höhenmeter zurück. Eigentlich habe ich die ganze Tour – wenn auch nicht bewusst – klug geplant. Zu Beginn mit viel vor der Kälte schützendem Gepäck und im flachen Land, zum Ende hin mit ein paar Kilo Last weniger und ein paar Kilo Muskelmasse mehr im Gebirge. Klar war mein Rad schwer, aber ich hätte es auch nicht mehr hergeben wollen. Der anstrengendste Abschnitt war eine fünfzehn prozentige Steigung an einer Bundesstraße ohne eigenen Radweg. In der Serpentine wurde es verdammt eng. Ich kroch über den heißen Asphalt und wenn eins im Langsamfahren nicht geht, dann ist es in der Spur zu bleiben. Ich schwenkte also aus und der eigentliche Kraftakt war in dem Moment – neben dem Weitertrampeln, damit das Rad nicht zum Stehen kam – das Geradefahren. Hinter mir schnauften und stöhnten die Kleintransporter und älteren Modelle. Auch sie mussten bremsen, Kurve abwarten oder brenzlige Situation riskieren (die meisten entschieden sich für das zweite) und dann quietschend oder hechelnd an mir vorbeifahren.

Auf Bildern wird das ja nie so deutlich, aber die Steigung da hinten sah in Wirklichkeit aus wie eine Wand. Und die Kurve war ja auch noch nicht das Ende. Es zog sich, wurde steiler und flacher und steiler und enger…

Irgendwo zwischen diesem Aufstieg und Donaueschingen fuhr ich an einem landwirtschaftlichen Betriebsgelände vorbei. Auf diesem Gelände waren – neben den Traktoren und Ställen – ein Brunnen und ein Bauer auf einer Bank. Ich hielt an und rief dem Bauern fragend zu, ob aus dem Brunnen Trinkwasser käme. Nein, kam nicht. Er stand auf, kam mir entgegen und fragte, ob ich etwas Frisches zum Trinken bräuchte. Ja. Der Bauer – maximal neunzehn Jahre alt – irrte ein paar Meter auf und ab, ging dann zum Traktor und holte eine angebrochene Spezi heraus. Ob ich denn auch Spezi trinke. Klar, alles. Beim Öffnen der Speziflasche gab es einen lauten Knall und ich vermutete eine warme, abgestandene Brause. Ich ließ ihn diese Suppe in meine Flasche füllen, in der noch ein Rest Wasser war. Ich erwartete eine verdünnte, warme und abgestandene Brause, wurde dann nach meinem ersten Schluck von einer erschreckend kühlen und prickelnden Spezi überrascht. Ich bedankte mich und fuhr glücklich, ob dieser tollen Begegnung, weiter.

Ein paar Meter weiter legte ich eine Pause am Hang ein, auf dem gerade ein Feld gepflügt wurde und zig Rotmilane über dem Traktor kreisten. Sie glitten durch die Luft, einige langsam und bedächtig, andere schnell und mit so etwas wie Loopings. Es muss eine Freude sein, fliegen zu können. Manchmal flog einer von ihnen im Sturzflug auf den Boden zu, aber ich konnte nicht erkennen, ob er etwas zwischen den Krallen hatte. Hin und wieder hörte ich das bekannte Kreischen.

Ich konnte mich nur sehr schwer von diesem Schauspiel loseisen, aber die Spezi war schon wieder leer und die Neugier auf den Donauursprung wuchs. In Donaueschingen erreichte ich als erste die Breg und war happy wie ein kleines Kind. Ich folgte ihr bis zur Zusammenführung mit der Brigach, an der mein Fotoapparatakku den Geist aufgab. Ich fragte zwei Radlerinnen, ob sie mir ihre Fotos schicken könnten. Das werden sie – nach ihrem Urlaub. Sie kamen aus Augsburg, sind mit dem Zug nach Donaueschingen gefahren und starteten ebenfalls ihre Donau-Tour. Was für sie der Start war, war mein Ettappenende. Obwohl nicht ganz: ich folgte noch dem Schild „Donauquelle“, das mich ins Zentrum von Donaueschingen führte, war dann aber enttäuscht, weil ich weder die Donau fand, noch eine Quelle zu erwarten hatte. Später lernte ich dann, dass es dort eine historische Quelle im Schlossgarten gäbe. Die hatte ich einfach nur nicht gefunden.

Ich fuhr noch weniger Kilometer die Donau entlang nach Pfohren und zeltete am Riedsee. Wieder mit vielen anderen Radler*innen, wieder meine sichere Routine. Zelt aufbauen, duschen, essen, quatschen, schlafen.

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