Teil 1: “das werd ich nie vergessen” – die ersten Jahre

Ich denke mal, dass ich überhaupt zur Pflege gekommen bin, liegt auch an meiner Mutti. Sie war Gemeindeschwester in einem kleinen Dorf in Mecklenburg, direkt bei uns im Haus, mitten in unserer Wohnung. Das was später das Wohnzimmer war, war zu Beginn die Gemeindeschwesterstation. Daran grenzte unser Wohnzimmer, die Küche und das Kinderzimmer. Das war vor 1972. Das Wartezimmer war der Eingangsflur. Ob die da mit Termin oder einfach so kamen, das weiß ich nicht mehr. Ich war ja erst sechs. Was ich aber noch weiß, sie kamen zu unmöglichen Zeiten, wenn wir gerade essen wollten oder am Wochenende. Und es waren alle möglichen Dinge, die auf dem Dorf nun mal passieren. Es waren weniger Husten und Schnupfen, sondern mehr Verletzungen, wie den halben Daumen abgehackt, Angelhaken in der Hand oder Ast auf‘m Kopf vom Apfelbaumschneiden. Heute würde man den Notarzt anrufen, damals hat meine Mutti das alles gemacht. Und das fand ich damals schon so spannend. Ich werd nie vergessen, wie sie diesen Dreier-Angelhaken aus der Hand gepult hat. Ob sie auch genäht hat, das weiß ich gar nicht. Oder ob sie da einfach nur Jod ‘raufgemacht hat. Das weiß ich gar nicht. Dann haben sie heute eben alle dicke Narben, weißt du? Das war so. Schon als Kind hab ich gemerkt, was es heißt, Gemeindeschwester zu sein. Es war für sie Leidenschaft. Ich hab damals schon mitbekommen, was es heißt, immer da zu sein. Und meine Mutti war immer da. In so einem Dorf mit 600 Einwohnern war sie immer da. Als Gemeindeschwester hatte sie ein Telefon. Damals hatte der Bürgermeister, der ABV (Abschnittsbevollmächtigter, also die Polizei) und eben meine Mutter als Gemeindeschwester ein Telefon. Dadurch lief noch mehr über uns. Wir waren sozusagen Anlaufstelle.

Da war ich im Vorschulalter, als ich in Kontakt mit dem Gesundheitswesen gekommen bin.

Später hat sie eine eigene Station im Dorf bekommen und dann war auch alles für mich weiter weg. Kurz darauf zog in unsere zweite Haushälfte eine Kinderkrippe ein. Nach der Schule bin ich dann da rüber und hab mit den Kleinen gespielt. Und das war auch sehr prägend. Und als es dann in der Oberschule zur Berufswahl ging, war klar: Säuglingsschwester. Mein Notendurchschnitt war aber nicht ganz so gut und da wurde mir geraten, ich könne ja auch in die Tierpflege gehen. In die Kälberaufzucht. Aber das lag mir gar nicht, obwohl mein Vati Landwirt war. Wenn ich nicht Säuglingsschwester werden konnte, dann wollte ich Krankenschwester werden. Und da war das für mich klar. Hab mich in der neunten Klasse beworben und wurde angenommen. Das war damals so. Der eigene Berufswunsch hat fast immer geklappt. Ich bin 1982 nach Schwerin gezogen und hab in der Berufsfachschule Hette Lammert meine dreijährige Ausbildung gemacht. Danach hab ich am Bezirkskrankenhaus in Schwerin auf der traumatologischen und gefäßchirurgischen Station gearbeitet. Und da war ein Pfleger, den vergess‘ ich bis heute nicht. Er hieß Paul. Nachname weiß ich nicht mehr. Ist auch egal. Und Pfleger Paul war zu dem Zeitpunkt schon weit über dem Rentenalter hinaus. Und der hat seinen Beruf mit Leidenschaft gemacht. Er hat uns junge Küken immer an die Hand genommen und uns sehr viel beigebracht. Er hat mir zum Beispiel gezeigt, wie man richtig die Beine zur Thromboseprophylaxe wickelt. Und ich gebe das genauso an meine Kollegen bis heute weiter. Und sie sagen zu mir „Grit, mach du das, du kannst das am Besten“. Oder, „Grit, zeig mir das, ich will das auch können“. Und später dann auf meinen Hausbesuchen, wenn ich Patienten mit Thromboseverbänden im Bett gesehen hab, waren sie nie richtig gewickelt. Das ist also wirklich etwas aus der alten Schule. Und das hab ich bei diesem Pfleger gelernt und das war prägend. Er war diszipliniert, ordentlich und streng, aber prägend. Und an ihn denke ich gern zurück. So wie Pfleger Paul möchte auch ich mal der der nächsten Generation was weitergeben. Auch wie engagiert er war, hab ich immer geschätzt. Er ist in seinem Alter noch über die Station geflitzt. Und damals kamen ja noch die Binden gewaschen auf die Station und wir haben die noch mit der Hand aufgerollt. Und für das Blutabnehmen hab ich einen Satz: „Gut gestaut, ist halb gestochen.“ Das ist ein Satz – weiß nicht, woher ich den hab – den werd ich auch nie vergessen und da ist was dran. Und wenn ich sehe, wie heute gestaut wird, da denke ich, „ach hätt‘s mal besser gestaut, dann wär‘s besser gegangen“.

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