Teil 1: Von der Ausbildung, der Verletzlichkeit und den ersten Nachtdiensten

Krankenschwester wollte ich schon sehr früh werden Ich war als Kind sehr oft im Krankenhaus, weil ich nur eine Niere habe. In der damaligen Medizintechnik gab es noch keine super auflösenden Sono, Farbdoppler oder so. Das musste sehr aufwendig gemacht werden. Damals war ich teilweise sechs Wochen am Stück im Krankenhaus und hab mich immer so sehr wohl gefühlt. Es waren andere Kinder da, die Krankenschwestern waren alle lieb. Fast alle. Einen alten Drache gab es immer. Das war nicht schlimm.

Ich wolle schon Krankenschwester werden, als ich im Grundschulalter war. Als Kind hatte ich einen Arztkoffer, mit dem ich immer Krankenschwester mit meinen Geschwistern gespielt habe. Das lag wirklich daran, weil ich mich im Kinderkrankenhaus sehr wohl fühlte. Zeitweise fühlte ich mich da mehr zu Hause als in der Familie. Das war auf jeden Fall eine Motivation.

Ich hab dann später Abitur machen müssen, weil ich mich in der neunten Klasse zu einer Zeit beworben habe als es einen Überfluss an Pflegenden gab und es wurden nur die mit den besten Noten genommen. Ich war damals nicht die beste Schülerin. Somit habe ich keinen Ausbildungsplatz bekommen und hab dann mein Abi gemacht. Danach hab ich ein halbes Jahr Hauswirtschaftsschule gemacht. Da war ich der letzte Jahrgang, bei dem das verlangt wurde. Ich bin dann nach Hannover in die medizinische Berufsausbildung gegangen und hab fünfundachtzig die Ausbildung zur Krankenschwester begonnen.

Da gab es – zumindest im Westen war das so – da gab es nicht dieses Berufsschulsystem, wie es das in anderen Branchen gibt – sondern jedes Krankenhaus oder jeder Träger hatte eine eigene Schule. Ich war an der Medizinischen Hochschule Hannover, der MHH. Es war eine Hochschule und da wollte ich auch hin, weil mich das auch vom Wissenschaftlichen her interessierte.

Meinen ersten Einsatz hatte ich auf einer gastro-enterologischen Station. Ich war um die zwanzig und da war eine ältere Pflegekraft, so um die fünfzig – schätze ich mal. Für mich war das damals richtig alt. Aber sie war irgendwie total motiviert und gut, also pädagogisch gut. Sie hat mich im Bezug auf das Arbeitsverhalten geprägt. Dass du zum Beispiel deinen Arbeitsplatz der nächsten Schicht in einem ordentlichen Zustand überlässt. Sie war meine Mentoren. Zwar nicht offiziell, aber sie war Vorbild für mich.

In diesem ersten Einsatz hatte sich ein Patient in der Toilette eingeschlossen und kam lange Zeit nicht heraus. Die Mitpatienten klingelten dann und erzählten uns, dass man gar nichts mehr von ihm höre. Später stellte sich heraus, dass er einen Apoplex hatte. Bis wir einen Schlüssel für die Tür gefunden hatten, dauerte es auch noch eine Weile. Als die Tür geöffnet war, sprang die Kollegin gleich zu ihm und reanimierte. Das war immer noch mein erster Einsatz und das sah für mich ziemlich martialisch aus. Ich bin sofort in Tränen ausgebrochen, denn das hat mich völlig überfordert und dann hat man mich mit den Mitpatienten vor die Tür geschickt. Da war ich auch froh drüber. Er hat das dann nicht überlebt. Auch seine Frau saß davor, sie war nämlich gerade zu Besuch gekommen und wartete draußen in der Sitzecke auf ihn. Und der hab ich dann noch einen Kaffee gebracht.

Für diesen Einsatz hab ich eine gute Bewertung erhalten, auch wegen dieses Ereignisses. Sie sagten, sie fanden es gut, dass ich noch nicht so abgebrüht war, sondern dass es mich wirklich noch getroffen hat. Auch ‘ne nette Interpretation.

Der nächste Einsatz war dann das komplette Gegenteil. Bauchchirurgie. Dort hab ich mich sehr unwohl und nicht angenommen gefühlt. Nur bei einer einzigen Kollegin hatte ich das Gefühl, dass sie auf meiner Seite war. Ansonsten wurde ich viel angemault. Das waren lange acht Wochen. Du kannst, je nachdem ob denjenigen dort deine Nase passt oder nicht, die selbe Situation mal positiv oder negativ erleben.

Insgesamt war die Ausbildungszeit eine gute Zeit. Trotzdem hab ich gleich danach aufgehört und Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Nur in den Semesterferien hab ich viel auf Stationen gearbeitet und hab auch allein Nachtwache gemacht. Das ist heute wahrscheinlich auch gar nicht mehr möglich, so als studentische Extrawache. Das waren ja auch ganz andere, viel geringere Anforderungen. Damals hieß das ja noch Nachtwache. Inzwischen ist es ja Nachtdienst, weil du heutzutage mehr oder weniger durcharbeitest. Auch das Patientengut ist heute ein ganz anderes.

In dieser Zeit hab ich mal in der Kardiologie für längere Zeit Nachtwache gemacht und da hatten wir ein altes Ehepaar, das wir beide jeweils als Patienten in ein Zimmer zusammen betreuten. Das war ein ganz liebevolles altes Ehepaar. Er machte ihr abends den Fernseher an, denn er konnte noch besser laufen als sie, dafür war er schwerhörig. Jedenfalls gingen sie sehr liebevoll miteinander um. Sie war kränker als er und wir hatten angenommen, dass sie bei uns versterben würde. Und eines Abends klingelte sie und wies dann auf ihren Mann, der nicht mehr atmete. Wir haben nicht reanimiert, weil das von den beiden ausgeschlossen wurde. Ich hab in der Nacht, in der zum Glück nicht so viel los war, die Frau betreut und hab ganz viel mit ihr geredet und in der Stationsküche Kakao gekocht. In der Nacht kam dann auch der Sohn noch angefahren. Jedenfalls hat uns das sehr nahe gebracht.

Die Nächte dort waren ansonsten sehr anstrengend und ich hab nicht viel geschlafen tagsüber, aber es waren auch befriedigende Nächte. Und auch in der besagten Nacht, ist die Frau besser damit zurecht gekommen, weil ich da war und weil ich mich so gekümmert habe, wie ich es eben getan hab. Das ist befriedigend und der Beruf hat dann einen Sinn. Diese Sinnhaftigkeit ist für mich sehr wichtig.

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