Teil 2: Über politisches Engegement und warum 10% nicht reichen

Ich war schon immer engagiert. Es ging los als Schülersprecherin und parallel zu meiner Arbeit später war ich immer in der Kinder- und Jugendarbeit der evangelischen Kirche aktiv. Mir lag es, aktiv zu sein, was auf die Beine zu stellen und zu organisieren, Ideen zu haben und gemeinsam mit anderen diese Ideen umzusetzen. Es war mir immer wichtig, mit einer Haltung zu handeln und zu sprechen. Und ich wollte nie Krawall. Ich bin keine Stänkerfrau, aber ich würde gern die Sachen benennen, die ich sehe. Vielleicht ist das für manche schon stänkern, aber ich versuche auch immer klärend unterwegs zu sein. Selbst bei anderen Meinungen ist es mir wichtig, den Leuten nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern für eine Sache zu stehen. Bereits 1994, als ich an der Pflegeschule war, war ich als Personalrätin aktiv und noch während der Ausbildung, ‘90 oder ‘91, bin ich in den DBfK eingetreten. Ich bin dann auch mal wieder ausgetreten, weil ich das Gefühl hatte, sie machen nichts für mich und um mein Gewissen zu beruhigen, bin ich dann bei den Gewerkschaften eingetreten. Mittlerweile bin ich wieder beim DBfK und aus der Gewerkschaft raus.

Ich hab die Pflege nie abgekoppelt. Ich war damals auch beim Personalrat, weil ich die Pflege vertreten haben wollte. Und ich hab nie verstanden, warum manche Bereiche besser oder schlechter arbeiten sollten, als andere. Ich war in der Onkologie und konnte mit Chemos umgehen, aber andere konnten Handgriffe, die ich wiederum nicht konnte. Ich hab da schon früh erkannt, dass Pflegende nicht gut zueinander sind und schlecht übereinander sprechen. Es gibt da so einen Mechanismus des Tretens. Ich verstehe das nicht. Und sie treten auf sich selbst. In diesen hierarchischen Strukturen wurden wir in der Pflege, als Berufsgruppe, als Profession nicht gefragt und haben keine Möglichkeiten des Gestaltens gehabt. Selbst beim Personalrat ging es um einzelne Arbeits- und Mangelsituationen. Aus meiner Sicht kümmerte sich niemand um die Qualität der Pflege oder um ethische Fragen. Viele Kolleginnen dort waren schon so lange im Personalrat, dass sich so eine Art Selbstläufer eingestellt hat. Sie waren sehr überzeugt von sich und es bildete sich eine Art parallele Managementstruktur heraus. Sie haben Menschen auf den Stationen vertreten, die nicht für den Beruf engagiert waren und die sehr auf sich und ihr Privatleben geschaut haben. Für diese Menschen hat sich der Personalrat oft stark gemacht. Es gab immer Situationen, da war das absolut gerechtfertigt oder wo sie für die gesamte Belegschaft Verbesserungen erstritten haben. Das ist nicht zu bewerten. Aber ich bin damals in den Personalrat, weil ich etwas für die gesamte Pflege, als Profession erreichen wollte. Das war natürlich falsch, weil der Personalrat ist an der Stelle der falsche Ort. Aber irgendwie hab ich immer erwartet, dass sie nicht nur Einzelfallentscheidungen, sondern auch Teamentscheidungen treffen.

In der Onkologie hab ich im Rahmen meiner Einarbeitung erlebt, wie ein Mann mit einem Sarkom und starken Schmerzen auf die Station kam. Kolleginnen, die schon lange in dem Bereich gearbeitet hatten, kannten Sarkom-Patienten und haben ihn sehr ruppig behandelt. Ich hab dann gesagt, „Ihr könnt doch gar nicht wissen, was mit ihm ist“. Ähnlich war es bei einer Patientin mit ebenfalls starken Schmerzen bei metastasierendem Mamma-CA, die bei jeder Bewegung starke Schmerzen hatte und irgendwann wollte niemand mehr in dieses Zimmer gehen. Eines Tages ist eine Kollegin rein und hat sie mobilisiert und bei der Mobilisation den Arm gebrochen, weil der metastasiert war. Auf den CT-Bildern hat man das nicht gesehen, warum ist ja auch egal. Aber diese Auseinandersetzung damit, was Pflege eigentlich ist, das hat mir gefehlt. Und mir war immer klar, das Pflege etwas anderes ist als das, was Ärzte tun.

Für mich sind das alles auch feministische Themen und der Feminismus bezieht sich ja nicht nur auf Frauen, sondern es geht um Gleichstellung. Es gehen Menschen in die Pflege, die zwar einen sozialen Blick haben, aber das Prinzip der Gleichbehandlung nicht auf sich selbst beziehen. Die wenigen, die für eine eigene Stimme kämpfen, in Form von Kammer – ob das jetzt der richtige Weg ist, sei mal dahin gestellt, aber es ist ein Weg – finden in der eigenen Berufsgruppe kein Gehör. Die, die sich ehrenamtlich für die Pflege engagieren, erfahren auch keine Unterstützung. Selbst gestern war ich in Magdeburg beim Praxisanleitertag und hab in die Runde gefragt, wer im Berufsverband ist. Von hundert Anwesenden haben sich drei gemeldet. Das geht doch nicht. Wie soll Demokratie, wie soll eine Gesellschaft funktionieren, wenn keiner mitmacht? Warum das so ist, weiß ich nicht. Sie müssen ja auch gar nicht im Berufsverband, sondern in irgendeinem Verein sein und wenn es der Sportverein ist. Das ist doch Demokratie. Wenn alle zusammen entscheiden und einmal im Jahr gemeinsam die Turnhalle aufräumen. Heute gehen sie ins Fitnessstudio. Ich kann es nicht erklären, weil es für mich kein Option ist. So wie ich immer selbstständig sein wollte, wollte ich auch immer mitbestimmen. Will immer eine Stimme und eine Haltung haben. Oft fehlen gute Vorbilder. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass sich 10% der Gesellschaft engagieren und den anderen müssen wir das Glück vorschreiben. Wir müssen das nur immer gut ausbalancieren. Leider kommen alle paar Jahre so Ätznummern wie die AfD und andere nach oben, die wirklich nicht für die Menschen da sind. Da macht sich sozusagen der Teufel breit. Und dann reichen die 10% nicht mehr aus.

Berufspolitisch war ich früh aktiv und mit den Jahren ist das immer weiter gewachsen. Und auch hier ist es so, dass ich nicht eines Morgens aufgewacht bin und gesagt hab, ich will mal Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerates werden. Aber es ergab sich einfach und ich hab das konsequent weiterverfolgt, weil ich hohe Ziele für die professionelle Pflege erreichen möchte. Ich weiß auch, dass ich nicht für alle spreche. Ich will, dass Pflegende denken und ihre Arbeit vernünftig machen und gut wissen, wer sie sind und sich nicht darüber definieren, ob sie eine Spritze geben können oder nicht. Ich will, dass sie erkennen, wenn ein Mensch sagt, „können Sie mir bitte einen Tee bringen“, dass das für ihn in dem Moment von wichtiger Relevanz ist. Das trägt zur Gesundheit und zum Sein bei. Und auch das hat etwas Professionelles. Ich will, dass Pflegende gut voneinander reden und sich als gemeinsame Profession wahrnehmen und stolz sind auf sich als Ganzes und stolz sind, dass sie Professorinnen und Leute in der ambulante Pflege haben, die alle tolle Arbeit leisten, wenn sie das ernst nehmen, was sie tun.

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