Alle für eine – eine für alle! Oder: informierte Entscheidungen treffen

Bereits letzte Woche war ich sehr verärgert über das Interview mit Andreas Westerfellhaus im Deutschlandfunk, als er vom Berufsethos sprach. Diese Woche dann der Vorstoß von Söder zur Impfpflicht bei Pflegenden. Schlagartig scheint die Begeisterung gegenüber Pflegenden verflogen und sie werden zum Sündenbock, wenn sie jetzt nicht endlich und schnell mal die Pandemie beenden.

Durchatmen. Eins nach dem anderen.

Seit dem 27. Dezember wird in Pflegeheimen geimpft. Personen im Alter von über achtzig Jahren sind in der aktuellen Impfkampagne als erstes vorgesehen. Die Impfung ist freiwillig und in dieser Altersgruppe hauptsächlich als Selbstschutz gedacht. Da die Menschen über achtzig einer der Hauptrisikogruppen darstellen, liegt die Überlegung nahe, die Menschen, die tagtäglich intensiven Kontakt mit ihnen haben, ebenfalls zu impfen. Hier eher als Fremdschutz. Klingt für mich logisch.

Am 05.01. hörte ich morgens im Radio (Deutschlandfunk) ein Interview mit Andreas Westerfellhaus und wurde verärgert, als er an die Pflegenden und deren Berufsethos appellierte: „Ich bin Krankenpfleger von meiner Berufsausbildung – immer noch. Und mein Berufsethos sagt mir, dass das, was dem Schutz der Patientinnen und Patienten und der Pflegebedürftigen gilt, jetzt auch von mir verlangt, nach vorne zu gehen und mich impfen zu lassen. Das ist für mich Berufsethos.“

Da hatte er mich. Unser Berufsethos hatte ich ja schon wieder ganz vergessen. So viele Male in meiner praktischen Arbeit hatte ich es vergessen, vor allem, wenn ich im Stress war, weil ich schon wieder für eine krank gemeldete Kollegin eingesprungen war. Eine Kommilitonin vergaß mal ihren Berufsethos, als sie nach Dienstschluss noch eine alte Dame aus der nassen Wäsche half, weil sie wusste, dass es noch lange dauern wird, bis der nachfolgende Dienst dazu kommen würde. Auch vergaß ich ihn, als ich meine Pause bei einer sterbenden Patientin und ihrer Schwester verbrachte. Ich hatte ihn auch aus den Augen verloren, als ich – trotz der unsachlichen und barschen Bemerkung einer ärztlichen Kollegin – beim Mobilisieren einer schwerfälligen und mit Blut verschmierten, weil frisch sektionierten (Kaiserschnitt) Frau zu langsam war und dabei auch noch das Wohlbefinden der Frau und nicht den Terminkalender der Ärztin im Blick hatte.

Viele Pflegende vergessen kurz mal ihren Berufsethos, wenn sie sich mit stechendem schlechten Gewissen krank melden, weil sie wissen, was das für den Rest des Teams bedeutet. Sie vergessen ihn auch, wenn sie, obwohl sie sich krank fühlen trotzdem arbeiten gehen. Mit einem noch größeren schlechten Gewissen.

Zu pathetisch? Ich bin nicht diejenige, die damit angefangen hat. Höre bei Westerfellhaus aber auch heraus, wer sich nicht impfen lässt, gefährdet Patient*innen und Pflegeempfänger*innen. Und diese Denkweise finde ich sehr gefährlich.

All die oben genannten Situationen sind was, wenn nicht eine zu tiefst überzeugte innere Haltung? Überstunden und Selbstgefährdung schreibt uns unsere Profession nicht vor. Nein, das passiert, weil wir uns den Menschen verpflichtet fühlen. Oft aber auch aus einem kollegialen oder gesellschaftlichen Druck heraus.

Vor einem halben Jahr applaudierten wir den aktiv Pflegenden von unseren Balkonen aus zu. Und nun? Nun können wir sie mit solchen Sätzen von Berufsethos oder ähnlichem zu Sündenböcken machen.

In meinem Bekanntenkreis haben sehr viele Menschen eine gewissen Skepsis gegenüber der Impfung gegen SARS-CoV-2. Warum auch nicht? Es ist eine neue Methode, das Verfahren ging schneller als sonst, niemand kennt jemanden, der positiv davon berichten könnte, weil es einfach noch niemanden gibt, der bisher geimpft wurde. Warum sollte man da nicht skeptisch sein dürfen?

Westerfellhaus spricht in dem Interview eine Holschuld an. Pflegende hätten die Pflicht, sich zu informieren und eigene Ängste damit abzubauen. Das reicht mir nicht aus. Ich bin Gesundheits- und Krankenpflegerin und kenne unseren ICN-Kodex. Da heißt es zum Beispiel. „Die Pflegende soll in ihrem beruflichen Handeln jederzeit auf ein persönliches Verhalten achten, das dem Ansehen der Profession dient und das Vertrauen der Bevölkerung in sie stärkt.“ Vielleicht hatte dies Westerfellhaus im Blick. Es heißt aber auch „Die Pflegende teilt mit der Gesellschaft die Verantwortung, Maßnahmen zugunsten der gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung, besonders der von benachteiligten Gruppen, zu veranlassen und zu unterstützen.“ Diesen Aspekt finde ich wichtig.

Pflegen ist keine Aufgabe einiger weniger. Pflegen ist eher ein Auftrag und ein Engagement einer gesamten Gesellschaft. Beruflich Pflegende können den gemeinschaftlich so wichtigen Kitt, wie die gegenseitige Pflege und Fürsorge nicht allein stemmen. Sie können und müssen – berufsbedingt – ihre Fähigkeiten bewusst und bedacht dafür einsetzen, dass eine gemeinschaftliche Pflege möglich ist. Das bedeutet dann auch, dass wir anderen, die derzeit nicht aktiv oder professionell pflegen, alles dafür tun müssen, damit professionell Pflegende gesund bleiben und ihre gesellschaftlich so wichtige Aufgabe ausüben können.

Hand aufs Herz: Wer würde sich morgen impfen lassen, wenn es die Möglichkeit gäbe? Sind wir nicht alle ein bisschen froh, dass erst mal die anderen dran sind? Dass noch ein bisschen Zeit ins Land geht, um weitere Studienergebnisse zu generieren? Um Erfahrungen zu schaffen? Sehen wir nicht alle ein bisschen die Holschuld, also die Pflicht sich zu informieren bei denen, die jetzt mit dem Impfen dran sind? Also auch bei den Pflegenden? Aber noch nicht bei uns selbst?

Ich bin es, die dafür verantwortlich ist, dass Pflegekräfte informiert sind. Du auch. Wir alle. Wir alle müssen informiert sein. Wir alle müssen eine informierte Entscheidung treffen können, wenn wir morgen gefragt werden würden. Pflegende gibt es überall, in unseren Familien, in unseren Freund*innenkreisen. Wir alle können dazu beitragen, eine informierte breite Masse zu sein.

Die ersten Pflegenden, die jetzt vor die Wahl gestellt wurden (und zum Glück ist es eine Wahl) befanden sich doch noch in den weihnachtlichen Nachwehen. Geschlossene Heime, eigenes Weihnachtsfest ohne Familie, eigene (pflegebedürftige) Eltern allein wissend, vermehrtes Arbeitsaufkommen durch die Testungen und dann auch noch durch die Impfungen. Ich habe Verständnis dafür, wenn die Informationslage im Dezember und Januar mau aussieht.

Ich habe kein Verständnis, wenn das so bleibt. Ich habe auch kein Verständnis für alle Nichtpflegenden, die sich nicht informieren. Ich habe auch kein Verständnis für einen Pflegebeauftragten der Bundesregierung, der den Pflegenden indirekt ein fehlendes Berufsethos unterstellt.

Informiert Euch über den neuen Impfmechanismus und Wirksamkeit zur Eindämmung der Pandemie. Fragt Eure Kinder nach der Proteinbiosynthese (das ist Schulstoff) und findet gemeinsam heraus, wie der Impfstoff funktioniert. Lest die Antworten dazu vom RKI. Seid informiert. Tauscht Euch aus. Ruft Freund*innen an und erzählt, was Ihr neues gelernt habt. Verbreitet das Wissen in alle Richtungen. Dann werden sich (nicht nur) die Pflegenden für Eure Angehörigen, für Euch und schließlich für sich selbst impfen lassen. Oder auch nicht. Aber sie werden dann eine informierte Entscheidung treffen. So wie sie es einst in ihrer Ausbildung gelernt haben.

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