MeckPomm und Ruhrgebiet

Ich hab also das Dorf meines Opas nach dieser anstrengenden Fahrt geschafft, habe ein paar entspannte und gewittrige Tage bei ihm verbracht und bin am 7. Juni zehn Kilometer wieder zurück gefahren, um mich dort mit der Pfingstpaddelgruppe meiner Eltern zu treffen. Zu Pfingsten bin ich jeden Tag gepaddelt und am Abend habe ich mir von den dort anwesenden Pflegenden ihre Geschichten erzählen lassen.

Von dort aus ging es fünfzig Kilomenter nach Schwerin, wo ich ein paar Tage rastete, um die Geschichten in Worte zu fassen. Leider ist das Vorhaben immer leichter ausgesprochen als umgesetzt. Da ich gleichzeitig auch meine Ausrüstung und das Fahrrad warten, neue Fahrradkarten kaufen, die weitere Tour planen und mich mit Freund*innen treffen wollte, ist am Ende nicht viel passiert. Mein Körper und mein Geist verlangten sofort nach Ruhe und Zerstreuung. Das Fahren, Zelten, Organisieren und Draußensein sowie das Zuhören verlangen so viel Konzentration, dass auch nur die Möglichkeit einer Pause und die Anwesenheiten eines festen Bettes, eines vollen Kühlschranks oder eines Fernsehers in mir eine Lethargie auslöste, die ihres gleichen sucht.

Dennoch. Ich habe ein weiteres Interview geführt, mein Rad repariert und geölt, meine weitere Route geplant und sogar gearbeitet. Nur eben nicht so viel, wie ich es mir vorgenommen hatte. Die Fußball-WM in Frankreich war einfach spannender…

Danach ging es endlich wieder los. Ich hab meine Sachen wieder gepackt, diesmal weniger, denn ein großes Paket mit Gaskocher, Küchenzubehör, warmer Kleidung und anderem Krimskrams ging mit der Post zurück nach Hause. Etwas leichter erstmal in den Zug und über sieben Stunden und in fünf verschiedenen Regionalzügen ab ins Ruhrgebiet. Ich fuhr gegen acht Uhr morgens los und es zogen finstere Wolken über uns her, dass es im Zug so dunkel wurde, als sei es Nacht. Zwischen Schwerin und Hamburg kamen dann Regengüsse herunter, als würde über uns ein See auslaufen. Vor der Zugfahrt graute mir im Vorfeld, weil das mit dem voll gepackten Rad nie wirklich einfach ist, aber es war super entspannt.

Das Bild entstadt eigentlich auf dem Weg nach Greifswald. Aber es unterscheidet sich kaum von denen, die ich auf dem Weg ins Ruhrgebiet hätte machen können.

Zwischen Bremen und Osnabrück oder Münster saß ich mit einem anderen Radler zusammen im Minifahrradabteil. Wir saßen nebeneinander und starrten auf unsere Räder. Ich hatte überhaupt keine Lust auf ein Gespräch, hatte aber das Gefühl, dass Sven (aus irgendeinem Grund nannte ich ihn in Gedanken die ganze Zeit Sven) das gern getan hätte. Ich aß, schlief, las. Die Fahrt kam mir ewig vor. Kurz vor Osnabrück oder Münster begannen wir doch noch ein Gespräch. Er hatte ein paar Tage frei und ist den Weserradweg gefahren, nun wollte er zurück nach Hause, denn im Ort gab es an dem Abend noch ein Schützenfest. Wir tauschten Fakten über unsere Räder aus und ich konnte nicht auf die Frage antworten, wie viele Kilometer ich schon unterwegs sei. Keine Ahnung. Ich habe ja kein Tacho dabei und berechne meine Tagestour stets im Nachgang im Internet. Im Schnitt sind es sechzig bis siebzig Kilometer je Tour. Und ich weiß, dass ich im Mittel zehn Kilometer in einer Stunde fahre, also mit Pausen, Verfahren und Reparaturen.

In Recklinghausen war es warm und sonnig und nachdem ich für die nächsten Tage einkaufen war, fuhr ich dem Ort entgegen, den ich mir zum Übernachten ausgesucht hatte. Als ich endlich ankam, war es inzwischen heiß geworden und der Zeltplatzmensch erklärte mir, dass ich eine, aber auf keinen Fall zwei Nächte bleiben könne, weil ja bald Feiertag sei und sie ausgebucht seien. “Feiertag?” – “Ja, Fronleichnam.” “Und wann ist der?” (Diese Frage schockte mein Gegenüber ein wenig:) “Ähm, am Donnerstag.” Ok, ich hatte noch Pfingsten in den Knochen, aber hier gab es wohl schon wieder ein langes Wochenende und damit kein Platz für ein drei Quadratmeter kleines Zelt auf einer Wiese. Ich wurde zum nächsten Campingplatz geschickt. Der lag am Wesel-Dattel-Kanal. Es war mittlerweile spät. Ich baute mein Zelt neben Angelika und ihrem Mann auf, die mich sofort mit ihrer rheinländischen Art zuquatschten und zum Abendessen einluden, ob ich denn Fisch esse. Ich sagte ab, denn der Tag war voll und lang und ich war fertig und brauchte etwas Ruhe für mich. Die Zeit wurde zu etwas, das ich nicht mehr fassen konnte. War ich heute Morgen noch in Schwerin? Es ist so heiß jetzt, gab es wirklich heute diesen Untergangsregen? Und vor wie vielen Tagen traf ich Sven? Angelika erwiderte “ah, kein Bock? Ist ok, das ist ehrlich. Wenn man nicht mit jede essen will. Man muss auf sich achten”. Ja, irgendwie hatte sie es auf den Punkt gebracht.

Am Abend plante ich die folgenden Tage und beschloss, doch schon am nächsten, statt am übernächsten Tag Richtung Rhein zu fahren. Am besten erholte ich mich immer noch auf dem Rad, statt auf einem Zeltplatz.

Morgens frühstückte ich mit Angelika und ihrem Mann und erfuhr, dass sie viele Radreisen bereits machten, mittlerweile aber mit E-Bikes. Ob ich wirklich alles ohne E-Bike fahren würde? Wow. Der Weserradweg sei wohl sehr schön. Schon wieder. Wir aßen, erzählten, tauschten Tipps aus, packten und fuhren los.

Endlich wieder auf dem Rad. Also so richtig. Ohne Zug.

Mein Weg führte mich mal am Rhein-Herne-Kanal, mal an der Emsch entlang. Immer wieder war der Weg von Umleitungen unterbrochen und zwang mich in Städte und an viel zu lauten Straßen vorbei. Vor allem der Weg zwischen Datteln und Pöppinghausen war nervenaufreibend, weil er nicht kontinuierlich am Kanal entlangführte.

Ich folgte der einen Umgebung und zwei Männer auf Pedelecs kamen mir entgegen. Einer rief “Fährst du den Weg zwei Mal?” Ich sage nichts, überlege nur, warum er das fragt. “Ob du den Weg zwei Mal fährst?” Wieder wundere ich mich, wie er auf die Idee kommt, ich könnte falsch fahren. “Wo willst du hin?” Jetzt bin ich von der Rolle. Wir haben alle drei mittlweile angehalten und schieben ein Stück zurück, damit wir näher beieinander sind. “Tschuldigung, aber sind wir uns schon mal begegenet?” fragte ich, um erstmal die Gesprächsvoraussetzungen zu klären. “Na, also mit dem Rad fällst du auf. Und warum fährst du jetzt wieder zurück?” Aha, ich muss sie zuvor überholt haben, dann sind sie bei einer Umleitung falsch abgebogen, haben nicht gecheckt, dass der Kanal plötzlich nicht mehr links, sondern rechts von ihnen verläuft und unterstellen mir einen fehlenden Orientierungssinn. “Ich bin richtig”, sage ich, “ich folge dem Kanal, hier entlang der Umleitung.” Es folgte ein Hin und Her, wer denn nun richtig fährt, dann drehten sie ihre Räder um und fuhren in meine Richtung weiter. Bevor ich wieder aufstieg, wollte einer von beiden wissen, wo mein Akku ist. Wieder verstehe ich die Frage nicht, schaue wie Brot und werde mit einer einfacheren Frage geködert. “Alles Muskelkraft?” fragte er, während er sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel klopft. “Ja” – “nicht schlecht”. So, weiter ging’s. Sie fuhren vor, ich kurz dahinter. Sie fuhren zu weit, ich bog irgendwo ab, um an den Kanal zurück zukommen. Ihnen gings wie mir so oft und wer weiß, vielleicht fahren sie ja heute noch mit ihren Pedelecs im Kreis und versuchen den Kanal entlang zu kommen.

Der Weg wurde südlich von Recklinghausen entspannter, denn er blieb tatsächlich am Wasser und so konnte ich mich mehr auf das meditative Treten konzentrieren. Ich fuhr und an mir zogen Castrop-Rauxel, Herne, Wanne, Gelsenkirchen und Bottrop mit ihren Aufbereitungsanlagen, Heizkraftwerken, Industrieparks und -häfen, Schleusen, Gleisbrücken, Betonwerke, Recyclinganlagen, aber auch Parks und Freibäder vorbei.

Bei Oberhausen verließ ich den sichern Radweg, um nach Duisburg zu kommen, verhedderte mich in den Linien aus Autobahnen, Bundesstraßen, Bahnlinien, Brücken und Kanälen bis ich irgendwann doch noch mitten in Duisburg lande. Eigentlich wollte ich die Stadt umfahren, aber mein kleinstädtischer Kopf musste lernen, dass es ein “Umfahren” im Ruhrgebiet nicht gibt. In Duisburg bin ich auch noch die ein oder andere Extratour gefahren bis ich endlich in Entenfang, also im Süden von Duisburg ankam.

Diesmal rief ich vorher an, dass ich mit meinem Zelt für eine Person und eine Nacht komme würde, sie notierte alles und reservierte mir einen Stellplatz. Zwischen allen Dauercampern, die dort zum Teil lebten, war ich das einzige Zelt auf der Wiese. Zum Glück hatte sie mir einen Platz reserviert. Ansonsten war es dort sehr schön und entspannt. Zwar hatte ich kein Netzempfang, aber ich konnte warm und ohne Zeitmarke duschen und fühlte mich sicher in dieser Miniwohnsiedlung, in der ich ein Eindringling war.

morgens im Vorzelt

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