Teil 1 – anfangs kein Traumberuf

Also ich wollte eigentlich nie Krankenschwester werden. Das war nicht in meinem Sinne.

Ich hatte vorher noch eine andere Berufsausbildung gemacht und hab dann angefangen zu studieren, aber abgebrochen. Für ein neues Studium hatte ich dann in einer Genossenschaft gearbeitet. Zur Wendezeit wurde dieser Betrieb aber eingestellt.

Ein Freund sagte dann „geh doch ins Krankenhaus, die suchen Leute“. So war das dann auch. Das war zu der Zeit, in der viel Fachpersonal in den Westen gegangen ist. Ich hab als pflegerische Hilfskraft begonnen und nach einem halben oder viertel Jahr kam die Oberin auf mich zu und sagte, sie hätte sich meinen Lebenslauf angesehen und weil ich ja auch Abitur hatte, fragte sie mich, ob ich nicht die Krankenschwesternausbildung machen möchte.

In meinem Fall war es so, dass die Ausbildung berufsbegleitend stattgefunden hat. Du hattest also weniger Schule und hast eigentlich schon immer nebenher auf Station gearbeitet. Und einmal in der Woche hattest du dann Schule. Naja und so ein Haufen war das denn auch. Mir war es egal, ob ich die Aufnahmeprüfung bestehe oder nicht. Ich hab dann doch bestanden und dachte „naja, dann machst du das.“ Das war ja erst mal eine Alternative für mich. Aber es war mir eigentlich egal. Es war nicht so, dass ich dachte „oh toll“.

Im Laufe der Arbeit auf der Station und im Arbeiten mit den Menschen habe ich mich immer mehr in den Beruf hineinentwickelt. Geprägt hat mich in der Zeit Grit Drevin. Neunzig hab ich angefangen und ich glaube, sie kam dann wieder zurück aus dem Mutterschutz. Sie war für mich ein totales Vorbild. Sie ist menschlich und engagiert. Sie war zu Beginn meine Mentorin in der Ausbildung, später ist sie ja in die Praxis gegangen.

Damals war der OP noch die Elite

Innerhalb der Krankenschwesternausbildung hatte ich auch mal einen Einsatz im OP. Und die haben mich gefragt, ob ich dort beginnen möchte. Und damals war der OP ja noch Elite. Das waren Top-Schwestern. Und ich war baff, dass die mich das gefragt haben. „Joa, kann ich ja mal machen“, dachte ich wieder.

Und so kam ich in den OP. Und das war mein Ding, obwohl da eine ganz strenge Hierarchie herrschte und sie auch nicht immer nett miteinander umgegangen sind. Also auch von den Ärzten her. Viele wären bestimmt gegangen, aber damals dachte ich, „mensch, verdienst gutes Geld, hast Entwicklungsmöglichkeiten und es macht Dir auch noch Spaß“. Vor allem das Instrumentieren hat mir Spaß gemacht. Aber damals kam man ja nicht so einfach zum Instrumentieren. Damals musste man ja erst mal ewig springen und war ewig die kleine.

Ich war dann ein Jahr lang in Frankfurt am Main in einem kleinen Haus. Das wurde von einem evangelischen Schwesternorden geführt. Das war sehr nett. Das Einstellungsgespräch führte die Mutter Oberin und sie sagte, „ach, Sie brauchen keine Angst zu haben. Es arbeiten noch mehr von Ihnen hier.“ Als ich nachfragte, was sie meinte, sagte sie „na, von denen aus dem Osten“. Da waren aber nicht nur die aus dem Osten, sondern auch aus Kroatien, Bosnien, also der halbe Balkan hat dort gearbeitet. Und auch aus Indonesien.

Die leitende Schwester dort, Katharina, war für mich auch ein Vorbild. Sie hat ihrem Team immer den Rücken freigehalten und sich stets davor gestellt. Und das war auch gut, denn von den Ärzten her war es knall hart. Sie war taff.

Ich hab dann gemerkt, dass Frankfurt nicht so meins war und auch privat hat sich viel verändert, so dass ich wieder zurück in den Norden wollte.

Zurück in Schwerin hab ich mich in einer allgemeinmedizinschen Praxis beworben. Das war wieder was ganz anderes und es hat mir auch wieder Spaß gemacht. Den Patientenkontakt empfand ich immer als sehr bereichernd, aber zurück auf die Station wollte ich zu dem Zeitpunkt trotzdem nicht mehr.

Danach bin ich nach Plau am See gegangen, um wieder im OP zu arbeiten. Das war gut, weil dort hab ich sehr viel gemacht. Die Ärzte dort sind Koryphäen auf ihrem Gebiet. Das war schon besonders, was wir dort gemacht haben und ich profitiere bis heute von den Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe. Überhaupt von den verschiedenen Häusern und Teams und Erfahrungen – davon profitiere ich heute noch.

Arbeitslast

Und ähm wie war das noch. Ach ja, dann war ich schwanger und ich hab im OP aufgehört. In der ersten Hälfte der Schwangerschaft hab ich erst so richtig gemerkt, auf welchem Level ich die ganze Zeit gearbeitet habe und was man seinem Körper zumutet. Diese Knochenmühle – das muss man sich auch erst mal bewusst machen. Wenn man zum Beispiel 24 Stunden durcharbeitet und dann noch mal länger bleibt, weil keine Leute da sind um dann am nächsten Tag wieder aufzuschlagen. Das war dort keine Seltenheit, aber auch nicht ständig. Als ich dann raus war, hab ich erst gemerkt, wie ich mich stufenweise runtergefahren hab und was ich die ganze Zeit gebuckelt habe.

Das war ein Akutversorgungskrankenhaus und wir hatten es ja auch immer mit Schicksalen zu tun. Zum Beispiel, wenn ein Kind überfahren wurde und ein paar Tage später verstirbt. Das sind alles Sachen, die wir verarbeiten mussten. Es gab keine Supervisionen. Wir mussten es wegstecken. Es hat sich ja auch keiner drum gekümmert, ob Du nun damit klar kamst oder nicht, ne?

Im Kinder-OP – das weiß ich noch – da war ein dreizehnjähriger mit Knochen-Tumor, dem mussten beide Beine abgenommen werden. Das hat mich doll bewegt damals. Da war ich ja auch noch neu im OP und noch nicht so lange da.

Meine Fachweiterbildung hab ich während meiner Elternzeit in Magdeburg gemacht. Dort lebte meine Familie, so dass mein Kind versorgt war. Ich hab viel gelernt und ohne Bezahlung gearbeitet. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich das gemacht habe. Aber es war auch sehr stressig, wegen der vielen Praktika, die wir machen mussten. Und mein Kind war zu der Zeit noch sehr lütti.

Erfahrungen

Danach sind wir nach Lübeck gezogen, wobei es in erster Linie gar nicht um den Job ging, sondern wir uns aus verschiedenen privaten Gründen für Lübeck entschieden haben. Es ist eine tolle Stadt, die uns und vor allem unserem Kind tolle Möglichkeiten bietet. Und ich hatte eine Auswahl, um verschiedene Krankenhäuser durchzutesten, sag ich mal.

Das eine Krankenhaus war für mich eine Katastrophe und ich war froh, dass ich nur einen befristeten Vertrag hatte, den ich dann nicht verlängert habe. Ich hatte nur eine Teilzeitstelle, aber einen Dienstplan, wie in einer vollen Stelle.

Dann war ich ein Jahr lang arbeitslos und dachte, klar ist ja nicht so schlimm, wenn du jetzt erst mal ein Jahr lang arbeitslos bist, kriegst ja eh wieder schnell einen Job. Aber das war zu dem Zeitpunkt gar nicht so.

Ich hab auch ein Praktikum im ambulanten Pflegedienst gemacht. Aber das hat mir gar nicht gefallen. Überhaupt nicht. Also das lag nicht an den Patienten oder an der Arbeit. Teilweise waren Patienten dabei, die mich angegrabbelt haben und so. Also das war etwas, wo ich sachte „nee, das möcht‘ ich nicht“. Die Kollegin, die ich damals begleitete, lächelte nur verlegen darüber und machte aber nichts, sondern hat es hingenommen. Und ich wollte das nicht hinnehmen.

Der Hauptgrund, warum ich nicht in die ambulante Pflege ging, war aber, dass ich mich verzettelt hätte. Ich hätte nicht nur mein Soll erfüllen können, sondern hätte dann noch das und das und das gemacht. Ich hätte die Leute nicht so liegen lassen können und wäre dann wieder gefahren. Die eine Kollegin sprach ich drauf an und sagte „wir können doch jetzt nicht gehen?“, sie sagte „doch, wir haben keine Zeit.“

Über eine Bekannte kam ich zu einem Job in einem anderen Krankenhaus. Das schlimmste war dort das Team, in dem ich gearbeitet habe. So etwas unkollegiales habe ich bisher noch nicht erlebt. Du standest da von morgens bis abends am Tisch, wo alle gesagt haben „och nee, das kann ich nicht“ oder „mit dem Arzt will ich nicht“. Und ich hab mir gedacht, wo ist das Problem? Dadurch stand ich viel am Tisch, zum Teil auch ohne Pausen.

Bad Schwartau

Nach einem dreiviertel Jahr hatte ich die Anfrage aus Bad Schwartau, die mir eine halbe Stelle anboten. Dort hat einfach alles gepasst. Die Fachrichtungen, das Team, meine Stunden.

Die halbe Stelle war dann super. Ich hab dann immer zwei volle Tage gearbeitet, einen halben und zwei Tage hatte ich komplett frei. Das war mir lieber, als jeden Tag sechs Stunden, wo ich nie pünktlich rauskomme. Darauf ist die damalige Chefin eingegangen.

Die Organisation eines Belegkrankenhauses ist schon eine Herausforderung.

Vor allem mit unseren Prinzen. Also die Ärzte, die Beleger, sind ja alles Kleinunternehmer, haben nicht viel Zeit, es soll alles schnell gehen, es soll alles gut gehen. Mittlerweile arbeite ich seit über zehn Jahren dort und in der Zeit hat sich viel verändert. Früher waren die Saalöffnungszeiten von morgens um sieben bis nachmittags fünfzehn Uhr und alles darüber hinaus, ging nicht. Und so wurde auch geplant, das waren ja schließlich auch alles planbare OPs. Da kam nichts Akutes dazwischen. Das macht es auch so entspannt. Mittlerweile haben wir mehr Beleger dazu bekommen und die Saalöffnungszeiten an vier Tagen bis neunzehn Uhr ausgeweitet. Das musst du erst mal besetzen in einem Team von dreißig Leuten. Aber wir sind alle felxibel und wir springen auch mal füreinander ein.

Und was ich an dem Haus sehr schätze ist das Pflegen einer Pausenkultur. Es ist wirklich so und das merkst du auch im Laufe des Tages, dass du morgens deine Frühstückspause hast. Und mittags auch noch mal eine halbe Stunde Mittagspause. Und wir achten auch aufeinander. „Die sind da nur zu zweit im Saal, dann geh ich mal dahin und löse sie aus, damit sie auch mal eine Pause machen können.“ Das ist bei uns im Team fest verankert und darauf hat die Chefin damals sehr viel Wert gelegt.

Kleinere Häuser haben Vorteile

Und in vielen Punkten arbeiten wir schon sehr weit vorn. Das merkst du auch, wenn du mal auf einer Messe bist. Neulich war eine Kollegin auf einem Kongress und sagte auch, dass wir schon weit vorn sind auch in der Anästhesie. Unsere Patientenzufriedenheit ist sehr hoch. Das hat aber auch mit den Strukturen an einem doch eher kleinen Haus zu tun. Im Vergleich ist der Personalschlüssel eher hoch, was an großen Häusern gar nicht gewährleistet werden kann. Dadurch dass es so klein ist, kennen wir uns ja auch untereinander im Haus. Ist wie ein Dorf. Das macht es angenehmer. Und wenn mal ein Problem ist, dann rufen wir an. Also das betrifft alle. Ob es nun die Reinigungskräfte sind oder der Hausmeister oder die Kolleginnen von Station, Verwaltung, Pflegedienstleitungen. Können wir immer anrufen. Ich arbeite da sehr gern und es ist entspannt. Du hast zwar Bereitschaftsdienst, aber der ist sehr selten.

Wir operieren nur Leute aus dem Haus und keine von der Straße. Auch keine Verkehrsunfälle. Das könnten wir gar nicht abdecken, weil wir keine Intensivstation haben. Bei den planbaren OPs ist sehr viel Routine dabei, bei manchen aber auch nicht. Unter den Ärzten haben wir ein paar Künstler, die dann zaubern. Da weißt du nicht, was auf dich zukommt. Sie sagen dann „am Fuß“ und dann wird das eine drei, vier stundenlange OP. Hinterher ist der Fuß wahnsinnig in Ordnung. Ja, Künstler.

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu den Ärzten, was ich bisher so nicht kannte. Sie wissen, was sie an uns haben. Und die meisten schätzen uns. Und sie sind alle sehr gute Fachärzte. Sie sind gelassen und wissen, was sie tun. Sie probieren nicht unnötig aus, wie an anderen Häusern. Die haben keinen Druck, den sie an uns weitergeben, wie ich das in anderen Häusern erlebt habe.

Ich habe da fast jedes Wochenende frei. Das ist sehr angenehm. Und das ist was zum Altwerden.

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