Brey – Mainz

Von nun an begann der sagenumwobene Teil des Rheins. Der Fluss, die Straße, die Gleise und ich schlängelten uns durch die grünen Berge. Ich wollte hinter jeder Kurve anhalten und den einmaligen Blick für meine Liebsten einfangen, aber dann wäre ich nicht weit gekommen und mein Ziel für diesen Tag hieß immerhin Mainz.

In St. Goar setzte ich mich vor ein Backwarengeschäft und frühstückte erstmal. Mein buntes Rad unterhielt die Leute, die mir gegenüber in der Eisdiele saßen. Neben mir saßen Oskar und Caspar, zwei Brüder aus Bielefeld, die es in kurzer Zeit bis nach Österreich schaffen wollten. Von Caspar erfuhr ich, dass sie in der Nacht zuvor oben in den Bergen wild zelteten und über eine Stunde von einem Menschen in der Ferne mit einer Taschenlampe auf Trapp gehalten wurden. Ich schrieb eine Postkarte, aß Frühstück, sie wuschen sich auf der Gästetoilette, dann fuhren sie und ich weiter. In die gleiche Richtung – mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Noch mal kurz anhalten und ein Foto machen (der Blog will ja auch gefüttert werden). Ich hatte Glück, denn vor der schönen Aussicht tuckerte gerade der Raddampfer „Goethe“ vorbei.

Auf Höhe der Burg Rheinstein konnte ich mich nicht mehr beherrschen und musste unbedingt in den traumhaften Rhein springen. An der Stelle sind am linken Ufer, also auf meiner Seite, Terrassen, so dass die Strömung nicht zu stark war. Die Böschung war hier und da unterbrochen und gab den Weg zu einer kleinen Badestelle frei. Auf der anderen Rheinseite war die Fahrrinne, die tüchtig von Tankern, Container- oder Kiesschiffen und Ausflugsraddampfern genutzt wurde. An mir vorbei fuhr wieder die “Goethe” – eine halbe Stunde nachdem ich dort ankam. Die Strömung war stark und ich traute mich nur bis zur Brust ins Wasser. Es war kühl, aber überhaupt nicht kalt und so schwamm ich ein paar Minuten auf der Stelle gegen den Strom.

Mein Zeltplatz in Mainz war auf der anderen Rheinseite und so setzte ich mit der Fähre über. Der Mensch, der für die Fahrt kassieren wollte, begann begeistert ein Gespräch über das Reisen mit dem Rad. Auch er wollte mal raus und weg. Ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern, ich nenne ihn Enno. Er dutzte mich und fragte, ob es in Ordnung sei. War es und ich fragte, wie viel er von mir bekomme.

„Ich verstehe, Du willst nicht reden. Denkst bestimmt, das ist eine Anmache.“

„Nein, das dachte ich nicht, aber ich dachte, deshalb bist Du da.“

Ich bezahlte. Er kassierte.

„Ich heiße Enno, wie „ohne“ nur rückwärts.“

„Hallo, ich bin Katrin.“

„Ich bin nicht so einer, der andere anmacht oder gleich mit ihnen ins Bett will. Hast Du das gedacht?“

„Nein.“

Es folgte Small Talk über das Reisen allein auf dem Rad durch Deutschland. Er studierte irgendwas und das auf der Fähre war sein Nebenjob.

„Wo fährst Du heute hin?“

„Nach Mainz, auf einen Zeltplatz.“

„Ach, ich wohne in Mainz. Kannst auch bei mir übernachten.“

Jetzt sagte ich etwas, dass vielleicht in einem anderen Kontext oder mit einer vertrauten Person funktioniert hätte, das Gespräch mit Enno aber aus dem Ufer laufen ließ.

„Ha, witzig, erst sagst Du, Du bist nicht so einer, dann lädst Du mich nach Hause zum pennen ein. Ist schon witzig.“

„Boah, das war ganz menschlich gemeint. Ohne Hintergedanken, ey. Was ist mit Dir los.“

„Hey sorry, das war ein Witz. Danke für das Angebot, aber ich penn‘ trotzdem lieber auf dem Zeltplatz.“

„Warum? Hast Angst?“

„Nee, ist mir einfach lieber.“

„Ja, schade, weil dann hätten wir uns noch weiter unterhalten können, ist nämlich echt interessant, was Du da machst.“

Da hatte er Recht. Bis auf den kurzen Moment war das Gespräch ganz ok. So schlug ich vor:

„Lass uns doch heute Abend zusammen Pizza essen gehen. Wo kann man gut was essen?“

„Hmm, Pizza? Ich kenn‘ da einen, der ist in dem und dem Viertel. Sag mir einfach, auf welchem Zeltplatz Du bist, dann komm ich da hin.“

„Puh, keine Ahnung, wie der heißt. Ich kenn‘ mich überhaupt nicht aus.“

„Ah, ich verstehe. Hast halt doch Angst. Willst nicht, dass ich weiß, wo Du bist.“

An dieser Stelle hätte ich einfach das Gespräch beenden sollen. Doch ich check das immer zu spät. Er erzeugte sogar ein Schuldgefühl in mir. Er machte sich mir gegenüber zum Opfer. Ich würde ihn beschuldigen, jemand zu sein oder etwas zu machen, das nicht stimmte. Ich wollte selbst entscheiden, wer was von mir weiß und was ich mit wem mache. Das ist nicht zu viel verlangt. Das ist nicht mal unhöflich.

„Ähm, also lass uns ‘ne Pizza essen“, lenkte ich wieder ein.

„Ja, dann sag mir, wo Du bist, dann komm ich da hin und wir gehen zusammen los.“

„Ey, was ist so schlimm daran, wenn ich sag, dann und dann treffen wir uns dort und dort.“

„Ja, weil Du Angst hast, dass ich was mache, wenn ich weiß wo Du bist. Was denkst Du eigentlich von mir?!“

Dann fiel ihm was ein:

„Ach mist, ich bin heute Abend auf eine Hochzeit eingeladen. Hmm, ach Du kannst doch mitkommen!“

Jetzt hab ich wirklich keinen Bock mehr. Hochzeit? Mit jemanden, der mir von Anfang an ein schlechtes Gefühl vermittelt hat?

„Nee, lass mal. Ich fahr auf meinen Zeltplatz und verbringe einen ruhigen Abend.“

„Ey, echt blöd, dass ich erst um sieben Schluss hab.“ („Echt gut“, dachte ich)

Dann stieg ich von Bord und hinterließ einen mies gelaunten Enno.

Auf dem Weg zum Zeltplatz wurde ich paranoid und überlegte, ob ich noch mal ordentlich in die Pedale treten und zum nächsten Ort fahren sollte. Als ich dann aber ankam und den großen und super vollen Platz sah, wusste ich, dass ich keine Angst zu haben brauchte. Bisher hatte ich auch keine. Wenn er dieses Wort nicht so inflationär mit sich in Verbindung gebracht hätte. Mir gegenüber bauten dann Oskar und Caspar ihr Zelt auf. Ok, alles save. Ich freute mich sehr, sie zu sehen. Hätte gedacht, dass sie schon viel weiter wären. Wir kamen erst jetzt richtig ins Gespräch, ich erfuhr erst jetzt ihre Namen und wir verbrachten einen tollen Abend zusammen.

Nach meiner Begegnung mit Enno zweifelte ich kurz an mir. Habe ich ihn wirklich verletzt? Habe ich wirklich etwas falsches gesagt? Falsche Signale ausgesendet? Überhaupt etwas ausgesendet? Aus irgendeinem Grund war Enno auf einem Vorwurfsohr sensibilisiert. Ich hatte keine Chance. Ich konnte nichts Richtiges sagen. Was mich am meisten ärgerte, war das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen. Als hätte ich wirklich etwas falsch gemacht. Ich war aber wie immer. Habe gesprochen wie immer. War nah oder distanziert wie immer. Und er entlockte mir dennoch ein „Entschuldigung“.

Ich bin auf meiner Reise sehr vielen Menschen unterschiedlicher Gender begegnet. Die Gespräche liefen nie – nicht nach zwei Minuten und nicht nach zwei Stunden – aus dem Ruder. Selbst wenn es irgendwo einen flirtgeschwängerten Moment gegeben hätte – mit Frederick, mit Barbara oder den Brüdern – dann wurde er höchstens kurz genossen. Es wurden aber stets von allen Seiten die Grenzen der jeweils anderen respektiert.

Ich habe Enno eine Grenze gezeigt: mein Zelt. Ich wollte nicht, dass er zu meinem Zelt käme. Ich habe aber auch ein Angebot gemacht: Pizza essen. Viele andere vor und nach ihm haben diese Grenze beachtet. Haben meine Selbstbestimmtheit angenommen und geachtet. Er nicht.

Mir tut es nicht mehr leid. Mir tut nicht leid, dass ich einen dummen Witz gemacht habe, dass ich meine Grenzen gewahrt habe und dass ich nein gesagt habe, als ich nein sagen wollte.

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