Was vom Pflegetag übrig bleibt

Ankommen, orientieren, schauen, hören, klatschen. Klatschen? Was wurde gesagt? Warum klatschte ich? Das Adrenalin sauste schon allein aufgrund der Größe des Geländes und der Menge an Menschen durch meinen Körper. Aufgeputscht hörte ich zu, sah, wie Jens Wackerhagen losrannte (#jensrennt) und war mitgerissen. Die Pflege ist geil, großartig, wichtig. Darin waren sich alle einig. Das Lob wurde hin- und hergereicht, als sei es ein Wanderpokal oder als wollte es niemand haben.

Zunächst eröffnete Christiane Vogler den Kongress, sehr sympathisch und aktivierend. Wir applaudierten, wenn wir aus Berlin kamen und wir applaudierten, wenn wir nicht aus Berlin kamen. Viele applaudierten, weil sie pflegen, wenige applaudierten, weil sie seit über 40 Jahren pflegen. Es war ein Stimmungsbild und die Stimmung war gut.

Nur auf die Politik war niemand gut zu sprechen. Doch wer ist eigentlich diese Politik? Es sei die letzten 10 Jahre nichts passiert, sagte Franz Wagner in seiner Grundsatzrede und alle klatschen euphorisch. Da sind Pflegende klassisch konditioniert. Einer meckert, alle stimmen ein. Aber ja, er hat Recht. Bis heute haben wir keine 100%ige Zustimmung aus den eigenen Reihen zu Landes- oder gar einer Bundespflegekammer. Der DBfK gibt die Anzahl beruflich Pflegender mit 900.000 an (http://www.dbfk.de/manifest/der-hintergrund/). Wikipedia schätzt die Anzahl der Mitglieder des DBfK auf 20.000 (https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Berufsverband_f%C3%BCr_Pflegeberufe). 2,2% sind im größten Pflegeberufsverband organisiert. Ok, der DBfK ist nicht alles. Im Deutschen Pflegerat sind 14 weitere Berufsverbände gelistet. Die Rot-Kreuz-Schwesternschaften geben eine Mitgliedszahl von 22.000 an und sind mit 2,4% also ähnlich niedrig. Wenn alle gelisteten Berufsverbände circa 20.000 Mitglieder hätten, wäre das gerade mal ein Drittel aller beruflich Pflegenden. Ich will verantwortliche Entscheidungsträger_innen in der großen Berliner Politik nicht in Schutz nehmen. Politik fängt allerdings nicht erst dort an. Sondern bei mir.

Die Fachausstellung – wie es so schön heißt – irritierte mich dann noch mehr. Die wenigsten waren vom Fach und noch weniger interessierten sich für die Pflegenden. Zumindest nicht für die Pflegenden mit ihrem Alltag. Die Kongressbesucher_innen waren einzig und allein als Kauf- oder Arbeitskraft interessant. Konsum. Konsum. Konsum. Vielleicht sind Messen so. Kann sein. Mir fehlt da einfach die Erfahrung. Naja und die Rechnung ging ja auch auf. Es wurde genommen und gehamstert ohne Ende. Noch nie habe ich so viele Umsonst-Stoffbeutel auf den Schultern und in den Händen der Menschen gesehen. Wenn die doch nur behalten werden würden, dann hätten wir vielleicht kein Plastikproblem. Doch so nachhaltig die Idee dieser Stoffbeutel ist, so verschwenderisch und einmalig ist oft ihr Gebrauch. Und es waren nicht nur die Beutel. Sondern auch ihr Inhalt. Ganze Wälder bedruckt mit nach Aufmerksamkeit schreienden Informationen liegen da drin ungesehen neben Umsonst-Schlüsselanhängern, Umsonst-Taschentuchpackungen, Umsonst-Kugelschreibern und Umsonst-Anti-Stress-Bällen.

Konsumkritik und Oköbilanz hin oder her. So ein Kongress hat auch was Gutes. Vor allem für so Leute wie mich. Ich wollte auf meine Reise aufmerksam machen und bin mit vielen tollen Leuten ins Gespräch darüber gekommen. Christel Bienstein, Andreas Westerfellhaus, Marcus Jogerst und andere haben mir zu einem Interview zugesagt. Das war toll. Doch bevor ich Übung darin hatte, mein Anliegen und mein Vorhaben ohne Gestotter und in die Luft Starren vorzutragen, hieß mein erstes Ziel ausgerechnet Jens Spahn. Ja, nach der Podiumsdiskussion – die ich verpasste, weil ich ja auch noch unseren Stand vom Netzwerk queer*pflegen betreute – ist Spahn durch die Fachausstellung gestreift. Gefolgt von einem Stab anzugtragender Personen aller Gender. Ich traf ihn eher zufällig an. Wobei „traf“ jetzt auch nicht das richtige Wort ist. Ich entdeckte die Menschenansammlung und viele knipsende Smartphones, belächelte diesen albernen Fan-Hype, erwischte mich dann aber, wie ich mit meiner aus der Mode gekommenen Digitalkamera versuchte, ein Foto zu machen (der Hinterkopf könnte jedem gehören). Ich ließ den Quatsch direkt nach dem ersten misslungenem Bild, hoffte, dass es niemand gesehen hat und versuchte, mich auf mein Ziel zu fokussieren: Jens Spahn persönlich um ein Interview bitten. Ich krallte mich an meiner Visitenpostkarte fest und wartete den perfekten Moment ab. Während er Hände schüttelte, vor einem Bildschirm herumlief, eine Ingwerkarottenundnochwaslimo trank, produzierte ich Unmengen an Schweiß und legte die Sätze im Kopf immer wieder neu zurecht. Ich bekam schon gar nichts mehr mit, als seine Terminkoordinatorin (oder so) seinen Securities (oder so) zurief, dass sie jetzt weiter müssten. Spahn machte also kehrt, drehte sich um und stand plötzlich vor mir. In einer routinierten Erwartungshaltung, als ob ich etwas von ihm wollen würde, schaute er mich an. Ich drehte mich um und ging.

Ja, das war mein Auftritt. Meine Chance. Nicht Jens Spahn hat mich in die Flucht getrieben, sondern das Gefühl plötzlich im Mittelpunkt stehen zu müssen. Die Anzugmenschen, die Presse, die Smartphones. Tja, Chance vertan. Aber ich wollte ja sowieso nur Pflegende interviewen!!!

Dass das Geklüngel aus Pflegepolitik und -wissenschaft nicht alles ist, das habe ich auch auf dem Pflegetag gelernt. Und ich habe gelernt, dass ich noch sehr viel zu lernen habe, was in der Pflege tatsächlich los ist.

Weniger Schulterklopfen. Mehr Schulterschluss. Weniger Etikette und Eitelkeit. Mehr Barcamps!

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2 Kommentare bei „Was vom Pflegetag übrig bleibt“

  1. Kristine Zirke sagt: Antworten

    Nicht aufgeben! Vielleicht klappt es (tausendmal besser) mit einer offiziellen Anfrage oder es ergibt sich in den nächsten Monaten noch eine Podiumsveranstaltung, an der du teilnehmen und Fragen stellen kannst. Die Daumen sind gedrückt!

  2. Danke für den anschaulich geschilderten Eindruck aus einem mir unbekannten Feld. Ein wenig hat es mich an die gerade zu Ende gegangene Buchmesse erinnert. Nur dass da die mitgenommenen Seiten mehr sind und dann doch gelesen werden 😉

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