Teil 1: “Das ist so cool” – Ausbildung

Mein Vater ist Altenpflegehelfer. Als ich klein war, lebten wir in Baden-Württemberg und ich hab zusammen mit meiner Mutter meinen Vater auf der Arbeit besucht. Und als Beschäftigung hab ich mich im Seniorenheim herumgetrieben. Da war ich sieben. Ich hab beim Stullenschmieren geholfen und sogar angereicht. Und ich weiß noch, vor manchen hatt ich richtig Angst, weil einige starr geguckt haben. Als Kind hab ich gedacht, dass sie mir die Hand abbeißen. Und trotzdem fand ich das cool. Und da war die einhundertundzwei Jährige Elsa. Das weiß ich noch. Mit der konnt ich mich noch ein bisschen unterhalten und ich hab sie in ihrem Rollstuhl umhergeschoben und für mich als Kind war der Rollstuhl ein cooles Fahrzeug.

Meine Großmutter wurde zum Schluss, nach einem Schlaganfall, auch gepflegt. Das Sprachzentrum war betroffen und sie konnte auch nicht mehr so gut laufen. Wir haben in einem Haus mit knarrenden Treppen gewohnt und manchmal ist sie nachts super langsam und schlürfend die Stufen hoch gekommen und mein Zimmer war direkt an der Treppe und da hatt ich als Kind auch Angst vor den Geräuschen, die sie gemacht hat. Mir hat als Kind ja keiner erklärt, was ein Schlaganfall ist und dass sie dann nicht mehr richtig laufen und sprechen kann. Wir hatten auch einen Badewannenlifter und ich hab meinem Vater dabei zugesehen, wie er meine Großmutter gebadet hat. Und ich dachte „ey, cool, wie ein Fahrstuhl in der Badewanne“. Und das hat mich bestimmt alles geprägt. Ich hatte immer mehr Kontakt zu älteren als zu jüngeren Menschen.

Zwischen der elften und zwölften Klasse hab ich in den Sommerferien ein freiwilliges Praktikum gemacht. Erst nur drei Wochen, aber dann war das so cool, dass ich noch eine Woche ‘rangehängt hab. Eigentlich wollte ich noch länger machen, aber dann waren die Sommerferien um. Ich war auf einer HNO-Station, was an sich ein relativ kleiner Bereich war. Und das hat mir so gut gefallen, obwohl ich als Praktikantin ja noch nicht so viel machen konnte. Die haben mir aber vertraut und so hab ich schon viele Aufgaben bekommen, die andere nicht hatten. Ich durfte auch mit in den OP und war bei der Wundversorgung dabei. Irgendwann durfte ich eine Wunde auch allein versorgen. Das war bei einem Patienten mit einem Kiefertumor und vielem nekrotischen Gewebe. Ich hab das damals natürlich alles noch nicht verstanden, außer dass es schwarz war und bitter-süß roch. Mich stören Gerüche nicht so und ich konnte das gut ab. Der Schwester dort wurde schlecht davon und so kam es, dass ich bei dem Mann, der mir ja irgendwie auch leidtat, den Verband gewechselt hab. Er hatte eine Kieferplatte, damit der Kiefer nicht auseinanderfällt, zumindest wurde mir das damals so erklärt. An der Platte waren Schrauben, an denen er sich die Zunge verletzte und immer Schmerzen hatte. Ich hab Wachs geholt und saß so halb in seinem Bett, hab mich ziemlich verrenkt und mit beiden Händen irgendwie in seinem Mund umhergefummelt – mit Handschuhen natürlich. Ich hab versucht, ihm irgendwie das Wachs um die Schrauben zu legen, damit er nicht mehr solche Schmerzen hat. Und das haben wir gemeinsam als Team gemacht und ich hab immer wieder gefragt „gehts jetzt?“ und er „hm ha eht, hrückt och ein isschen“, also noch mal ran und so weiter bis es passte. Und ich fand das so cool. Und da dachte ich dann: ach, mit Menschen macht ja auch irgendwie Spaß. Vor allem, wenn man das ein bisschen lustig gestalten kann. Da bin ich Fan von. Und so kam ich zu der Ausbildung.

Am Anfang war es sehr viel Input und obwohl ich ja einen kleinen Einblick im Praktikum hatte, war das ganze Fachliche neu. Ich hatte in der Schule zwar Latein, aber was da noch mal dazu kam, das war einiges, was man noch zu lernen hatte. Alles war aufregend und spannend. Jetzt ist es immer noch spannend, aber man ist irgendwie gefasster. Der erste Praxiseinsatz in der Geriatrie war für uns alle ein Dämpfer, weil wir da mit ganz anderen Ansprüchen gestartet sind. Ich hatte das Gefühl, dass die mir dort die Sachen nicht richtig erklären können und einmal wollte ich sterile Handschuhe, um einen transurethralen Katheter zu legen und mir wurde gesagt, dass die das wohl immer ohne machen. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber ich fand‘s nicht gut. Vom Material waren sie nicht gut ausgestattet und ich hatte das Gefühl, dass die mit der Pflege nicht hinterherkommen. Zum Glück war in meiner ersten Woche ein anderer Schüler dort, von dem ich echt viel gelernt hab. Ab der zweiten Woche hab ich einen Patienten allein versorgt und hab mir dann ein bisschen Zeit genommen, um ihn in Ruhe zu pflegen. Allerdings war das für meine Kolleginnen nicht schnell genug. Wir Azubis haben ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bei einigen war das Team ein Problem, bei anderen die schlechte Ausstattung. Aber es gab auch zufriedene. Die waren in einer besser medizinisch versorgten oder ausgestatteten Einrichtung, wo das Team auch Lust auf Auszubildende hatte.

Wir begannen mit sieben Monaten nur Theorie, wobei wir sehr viele praktische Übungen hatten. Wir haben uns gegenseitig gewaschen, uns Blut abgenommen oder uns gegenseitig subcutan gespritzt. Das allererste war Zähneputzen. Das war schon komisch, aber auch echt gut, das selbst zu erfahren. Dann hatten wir unseren ersten Einsatz und dann wieder recht viel Theorie. Im zweiten Lehrjahr haben wir fast nur praktische Einsätze, die immer mal wieder für Blöcke in der Schule unterbrochen werden, aber die sind eher kurz von eins, zwei Wochen. So eine Theoriewoche ist dann wie Urlaub. Aber lange Einsätze finde ich gut, weil da ist man wie in einem Flow. Der theoretische Input kommt in der Einsatzzeit immer ein bisschen zu kurz und manchmal möchte ich die Hintergründe wissen, bin aber auch zu fertig nach der Arbeit, um mir die Antworten zu suchen. Da brauche ich dann jemanden, der mir das erklärt.

Die Azubis vom ersten und dritten Lehrjahr haben immer den meisten Kontakt. Die im zweiten sind ja immer im Einsatz und meinen Kurs sehe ich daher zur Zeit gar nicht, weil ich im zweiten Jahr bin. Am Anfang hatten wir viel mehr miteinander zu tun. Die jüngsten waren zu Beginn siebzehn und die ältesten sechsundzwanzig, ungefähr. Der große Ballon war bei zwanzig, einundzwanzig. Wir sind ganz gemischt mit Abi oder Zehnteklasseabschluss und wir kommen von überall her. Es sind Leute aus Baden-Württemberg, aus NRW, aus Meck-Pomm und natürlich aus Berlin und Brandenburg. Eine ist sogar aus Frankreich. Sie heißt Zoe und ist mittlerweile meine beste Freundin geworden. Über die Schulen hinweg gibt es eher weniger Kontakte. Also höchsten, man kennt dort die Leute von früher oder man lernt sie auf anderen Einsätzen kennen. Und wenn ich dann höre, wie andere Schulen so sind, dann bin ich immer sehr froh über meine Wahl. Und eine Berufsschule sollte schon gut sein, denn immerhin ist sie auf das spätere Fach fokussiert. Da ist ja alles wichtig und da braucht man motivierte Lehrer und nicht zu große Klassen.

Ich merk schon, dass manche mehr Bock drauf haben als andere. Und es sind einige dabei, von denen würde ich mich auch pflegen lassen. Und andere sind zwar motiviert, aber ein bisschen eigen, dass ich mir denk, wenn die vor den Patienten auch so sind, dann Holladiewaldfee. Wir haben auch manchmal riesige Diskussion im Unterricht zu irgendeinem Thema. Partei A fängt dann eine Diskussion an und Partei B sagt was dagegen. Ich weiß nicht, wo der Mehrwert bei manchen Diskussionen sein soll, wenn die einfach so festgefahrene Meinungen haben. Das ist ja auch nicht der Punkt. Es geht nicht um Meinungen, sondern um medizinisches Wissen. Aber trotzdem finde ich, sind es ganz nette Menschen und ich würde gern Mäuschen spielen, um zu sehen, wie sie auf Station arbeiten. Vielleicht sind sie auch ganz anders als in der Schule.

Meinen Examenseinsatz kenne ich noch nicht. Wir können Wünsche äußern und ich hab da auch schon was im Blick, aber ich will erstmal noch die anderen Einsätze abwarten. Ausgeschlossen sind Intensivstationen, Geriatrie, Kinderstation, Psychiatrie, Rettungsstelle und ambulante Pflege. Ich werd meinen Einsatz vom Team abhängig machen, weil ich besser arbeiten kann, wenn das Team gut ist und wenn ich weiß, dass und wen ich ansprechen kann. Die Pflegeverrichtungen sind eine Lernsache und ich lerne schnell. Aber das Team ist wichtig.

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