Weinend von der Arbeit kommen

Auf meiner Reise traf ich auch Freund*innen aus meiner Schul-, Ausbildungs- oder Studienzeit. In einer Eisdiele saß mir dann eine*r von ihnen gegenüber, total erschöpft und fertig von der Arbeit. Ich nenne sie*ihn Alex. Alex war nicht erschöpft, weil das Arbeitspensum zu viel war oder die emotionale Belastung (hat es mit Schwerstkranken und Sterbenden zu tun) zu hoch gewesen wäre. Sie*er weinte und konnte sich erst spät wieder fassen, weil Kolleg*innen unfair wurden. Leider ging es in unserem Gepräch auch immer wieder um die Schuldfrage. Hat Alex einen Fehler gemacht? Oder einen verhindert? Hat sie*er immer richtig gehandelt? Im Detail wurde das auseinanderklamüsert und die unfaire Kritik der Kolleg*innen entweder kritisiert oder mühselig verstanden.

Mir ist es dabei zunächst egal, ob jemand einen Fehler gemacht hat oder nicht. Mir ist es wichtig, dass wir aufeinander Acht geben. Dass ein*e Kolleg*in weinend den Dienst verlässt und erst Stunden später wieder zu sich und zur alten Stärke findet, darf einfach nicht sein. Ich selbst habe viel zu oft meine Arbeit so verlassen. Im Winter hab ich mich in meinen Schal verkrochen, damit es niemand bemerkt, im Sommer hinter der Sonnenbrille versteckt.

Alex schilderte uns (wir waren insgesamt zu dritt) den Tag. Sie*er hat keinen Fehler gemacht! Und trotzdem war da dieser Kloß im Hals. Was ist nur los mit uns? Warum können wir nicht achtsam miteinander umgehen? Warum hacken wir uns gegenseitig die Augen aus?

Hand hoch, wer noch nie weinend den Dienst verlassen hat.

Im gleichen Atemzug konnte Alex eine der Kolleg*innen für einen Fehler verurteilen. Ja, es war ein grober Fehler. Alle Beteiligten hatten aber großes Glück, CIRS-Meldung wurde verfasst. Es hagelte harsche Kritik von Alex und den anderen Kolleg*innn. Warum nur? Hätte diese*r Kolleg*in nicht auch lieber ein Ohr, als Vorwürfe gebraucht? Wir selbst sind doch unsere größten Kritiker*innen, wir brauchen keine Klatsche, sondern ein Gehör und eine nachhaltige Aufarbeitung der Handlungen und Umstände, die zu einem Fehler führten.

Ich saß also in der Eisdiele, irgendwann auf meiner Reise, in der es ausschließlich um Pflegende ging und erlebte den Feierabend-Alltag von Pflegenden mit. Auch Alex macht ihren*seinen Job gern. Auch Alex geht in ihrer*seiner Arbeit auf. Auch Alex leidet an alt eingefahrenen Systemen. Und auch Alex ist dieses System.

Genauso wie ich es bin. Wie können wir das Arbeiten für uns gesünder gestalten? Ich meine damit nicht irgendwelche BGF-Maßnahmen, sondern einen angemessenen Umgangston. Eine Kommunikation, in der nicht nur “Danke” und “Enstschuldigung” enthalten sind (was aber schon mal ganz gute Voraussetzungen wären), sondern eine auf Respekt basierende, grundlegende Haltung von Kollegialität und Miteinander. Wir müssen nicht befreundet sein, aber Verbündete. Kritik darf laut und knallend sein, wenn sie dabei fair bleibt.

Sich gegenseitig einen fünf Minuten früheren Dienstschluss, einen ruhigen Nachtdienst, eine “leichte” Patientin, ein Lob, ein Danke oder die gesetzlich vorgeschriebene Pause nicht zu gönnen, ist der allergrößte Kindergarten.

Wir blieben in unserem Gespräch in der Eisdiele bei den Details. Wir sind nicht grundsätzlich geworden. Alex brauchte keine Grundsatzdiskussion, sondern ein offenes Ohr.

Werdet gern in den Kommentaren grundsätzlicher. Was denkt Ihr, brauchen wir, damit wir uns nicht gegenseitig fertig machen? Und bitte erzählt mir auch von Euren respektvollen, achtsamen, kollegialen und anderen positiven Erfahrungen. Einseitig wäre sonst zu einseitig 🙂

Aufrufe: 230

Schreibe einen Kommentar