Teil 3: “und dann wollte ich es noch mal wissen” – der Neuanfang

Nach der Ausbildung und den ersten sechs Jahren in der Klinik hab ich meine Tätigkeit gewechselt. Das war 1992. Da hab ich die Oma meines Mannes noch gepflegt. Ich bin aus dem Schichtdienst im Krankenhaus raus und in einer allgemeinmedizinische Arztpraxis angefangen. In dieser Zeit war ich nicht direkt in der Pflege , sondern fühlte mich eher als Wegweiser für die Patienten. Nur auf den Hausbesuchen bin ich mit Pflege in Berührung gekommen.

Neben meiner Tätigkeit in der Praxis hab ich 2000 bis 2003 am Wochenende für einen ambulanten Pflegedienst gearbeitet. Und das war an zwei Wochenenden im Monat. Da hab ich einen Einblick in die sehr anstrengende Tätigkeit bekommen. Also es fängt sehr früh an und man versammelt sich schon um sechs in der Sozialstation und bespricht mit den Kollegen den Tag. Man steht dann bei den Patienten unter Zeitdruck, weil man nicht immer ausreichend Zeit hat, die Versorgung zu gewährleisten. Ich hab mir die Zeit oft genommen, bin dann aber schon wieder zu spät beim nächsten gewesen. So ging es vielen unserer Kollegen. Schön war dann die Dankbarkeit, vor allem auch die von den Angehörigen. Für mich ist ein Lächeln Balsam für die Seele und motivierend. Länger als drei Jahre konnte ich das aber nicht machen, denn ich hatte ja noch meinen Hauptjob.

Ich war über 25 Jahre in der Praxis, aber es gab über die Jahre Diskrepanzen zwischen meinem Chef und mir und ich hab mich am Ende nicht mehr wohl gefühlt. Vor allem meine Kinder haben mich darin bestätigt, was anderes zu machen. Sie haben mich ermutigt, dass ich den Wechsel schaffe. Mich im Alter von fast fünfzig woanders zu bewerben. „Wenn dir was nicht gefällt, jammer nicht, änder was.“ Und ich dachte, ja stimmt. Aber ich hab die Praxis ja auch geliebt, ich hab sie vom ersten Tag an eröffnet und wir waren ein Team. Ich hab sie mit aufgebaut. Ich hab das Management dort gemacht, war die erste Schwester und hab sie zu dem gemacht, was sie heute ist.

Als meine Mutti so schwer krank war, hat es mich emotional sehr an meine Grenzen gebracht. Mit den vielen Krankenhausaufenthalten, bei denen nicht immer klar war, ob sie es schafft oder nicht. Ihre Krankheit und die Unzufriedenheit auf der Arbeit hat dann zu einem Burnout geführt. Ich war vier Monate krank geschrieben und habe in dieser Zeit ganz viel aufgearbeitet. Ich habe viel über mich erfahren und habe überlegt, wie mein weiteres Leben aussehen soll. Ich habe viel mit meinem Mann geredet und er hat sehr viel zugehört. Es kamen Ängste und Panikattacken hinzu. Ich war an meiner körperlichen und meiner emotionalen Grenze. Durch die Unterstützung in der Familie und einer Psychotherapie kam die Kraft, dass ich mein Leben noch mal ändern könnte. Ich hab dann ganz zufällig meine Mentorin aus den Achtziger Jahren wieder getroffen, die noch immer im Krankenhaus in Schwerin arbeitete. Sie sagte dann „komm doch zu uns“ und ich sagte „nein, niemals!“ „Doch. Versuch das doch.“ Und dann hab ich angefangen zu überlegen. Und all die Zweifel. In meinem Alter. Aber dann wollte ich es wissen. Die Unterstützung in der Familie hatte ich und es war eine Chance, wieder in der Klinik, in der Psychiatrie zu arbeiten und so habe ich mich beworben und es hat geklappt.

Und irgendwie bin ich durch die Bewerbung und das neue Aufgabenfeld auch an mir selbst gewachsen. Da kam was in Gang, was spannend und aufregend war. Trotzdem war der Abschied aus der Praxis sehr schwer. Die letzten Tage waren sehr emotional. Am letzten Tag hab ich nur geweint. Das ging schon morgens beim Aufschließen der Tür los. Selbst beim Blutabnehmen bei den Patienten habe ich nur geweint. Die Patienten waren so verständnisvoll. Die haben mich gedrückt, haben sich bedankt, sind los und mit einem Blumenstrauß wiedergekommen, um sich von mir zu verabschieden und mir alles Gute zu wünschen. Auch das war Anerkennung und Motivation für diesen großen Schritt. Doch mit dem Abschied aus der Praxis hab ich auch mit der Arbeit und meiner Zeit dort abgeschlossen. Es waren ganz seltene Momente seit dem, in denen ich traurig war.

Im Oktober 2017 ging dann meine neue Arbeit los. Ich hab von Anfang an gesagt „Ich habe keine Ahnung, erklärt mir alles. Ich will ganz viel lernen.“ Und ich bin überrascht, wie sehr sich alles verändert hat. Es stehen so viele Computer überall herum. Ich bin ja 25 Jahre raus gewesen aus dem Stationsalltag. In diesen Jahren ist ein wahnsinniger Sprung passiert. Personell – würde ich denken – ist es weniger als früher, was ich aber nicht beurteilen kann. Das ist nur ein optischer Eindruck. Es ist alles viel moderner und spezialisierter geworden. Vor allem die Medikamente. Also, wenn ich früher in den Schrank gegriffen hab, denn waren da zehn Medikamente drin. Für alle Krankheiten. Und die kannten wir alle. Heute platzt so ein Schrank auseinander. Das wird jetzt alles spezialisierter sein. Aber das hat sich auf jeden Fall verändert. Dann hör ich immer von Kollegen, „Grit glaub mal nicht, dass hier noch alles so ist, wie früher. Hier hat sich alles verändert. Es sind nicht mehr die Ideale, mit dienen wir ausgebildet wurden. Das mit dem Wunsch zu pflegen und dem Wunsch zu helfen, das ist nicht mehr so. Wir sind nur noch am rennen. Wir laufen am Limit. Wir sind zu wenig Personal. Wir können das, was wir als Krankenschwester mal leisten wollten, nicht mehr leisten und sitzen viel vorm Computer. Die Dokumentationszeit fehlt dann am Patienten.“ Allerdings muss ja alles nachweisbar sein. Und nachvollziehbar.

Ich hab diesen Schritt zurück in die Klinik noch nicht ein einziges Mal bereut. Alle merken, dass es mir besser geht. Die Arbeit macht mir Spaß und ich bin insgesamt sehr zufrieden. Und da ich verkürzt, also nur 30 Stunden in der Woche arbeite heißt das dann auch mal mehre Tage am Stück frei. Das kann ich eh nur jedem empfehlen. Bevor mein Limit an Überlastung erreicht ist, hab ich auch schon wieder frei. Die Überlastung kommt so also gar nicht mehr an mich heran. Und so hab ich mehr Zeit und Energie und Lust an der Pflege meiner Schwiegereltern. Ich muss nicht zwischen zwei Diensten dahin hetzen, sondern kann es an meinem freien Tag machen. Wenn ich das nicht so machen könnte, würde es mir gesundheitlich schlechter gehen.

Ich hab auch gelernt, dass ich nicht mehr alles an mich reißen muss. Wenn mein Mann oder sein Bruder die Pflege übernimmt, dann kann ich den Tag auch mal für mich nutzen. Ich muss nicht immer dabei sein. Das ist auch etwas, was ich erst neu gelernt habe.

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