Teil 3: “erklär es mir!” – Lehrjahre sind keine …. ?

Ich hatte schon verschiedene Einsätze bis jetzt. Erst in der HNO, dann in der Kardiologie. Ich war auch schon in der Geriatrie, in der Neurologie, in der Rettungsstelle und in einer kardiologischen Ambulanz. Das in der Ambulanz hat mir am wenigsten gebracht, finde ich. Ich saß fast nur vorm PC und war weniger am Menschen. Oh und ich habe jeden Tag etliche EKGs geschrieben. Das kann ich jetzt.

Ach ja und in der ambulanten Pflege war ich noch. Das war echt cool. Das hat mir echt Spaß gemacht und ich finde, das ist ein schönes Arbeiten mit guten Arbeitszeiten und ich kann mir das gut für später vorstellen. Jetzt noch nicht, jetzt ist mir das etwas zu langweilig. Da war ich auch in einer Demenz-WG, allerdings gab es dort einen Pflegehelfer, der die Pflege gemacht hat, so dass ich nur die Strümpfe angezogen und die Beine gewickelt hab. Die WG an sich war aber sehr schön mit einem Innenhof und einem Teich. Ich konnte mit den Leuten dort viel spazieren gehen und mich unterhalten und Spiele spielen. Bei gutem Wetter haben wir Fische und Frösche gesucht. Da bin ich auch an die guten Mitarbeiter geraten, obwohl die zu der Zeit einen Personalmangel hatten und gerade nicht so gut besetzt waren. Da waren nur eine oder zwei examinierte Schwestern für dreißig Bewohner. Aber die hatten viel Hilfspersonal, also Auszubildende und Pflegehelfer. Auch die Touren waren recht groß, weil sie dort das fehlende Personal kompensieren mussten. Das Team war aber gut und engagiert.

Ich wurde aber auch schon mal vor einem Patienten zusammengefalten. Der Patient hatte Parkinson und er war schon fast achtzig. Er und ich hatten uns super verstanden, jedenfalls hing er nach einiger Zeit im Rollstuhl zur linken Seite runter und konnte sich nicht mehr selbst hochziehen. Und ich weiß ja, dass man nicht in die Achselhöhle greifen soll, weil das unangenehm ist. Ich hab ihn auch mal gefragt, weil ich dachte, es ist ja besser, wenn er mir erzählt, was angenehm für ihn ist und was nicht. Dann gab es da diese Situation in dem viel zu kleinem Bad, in dem eine Kollegin und ich ihm auf die Toilette helfen wollten. Er konnte zwar kurz stehen, war aber zu schwach und nicht so stabil. Als er dann stand, begann er wegzurutschen und bevor er fallen konnte, hab ich ihn unter den Armen gepackt. Das war eher Instinkt. Und dann hat mich diese Schwester in diesem kleinen Bad so zur Sau gemacht und angeschrien, dass mir danach die Ohren schellten. Wie ich nur so dumm sein kann und dass ich keine Ahnung von Neurologie hätte und dass sie so nicht arbeiten könne. Mir war das laute Anschreien sehr peinlich und ich wurde auch echt sauer, dass sie mich so fertig macht vor dem Patienten. Hätte sie mir das hinterher in Ruhe erzählt, dann hätte ich dafür auch viel mehr Verständnis gehabt. Aber so? Auf dem Flur hab ich ihr das dann zurückgemeldet, aber dafür hatte sie kein Verständnis und ich hätte ihr nichts zu sagen. Ironischerweise haben wir uns dann über die Zeit sogar ganz gut verstanden. Immer wenn sie gemeckert hat, hab ich da einfach nicht hingehört. Da hatten wir uns dann eingespielt.

Niemand war nett in dem Team und ich hatte das Gefühl, dass sie keine Lust auf mich oder auf Auszubildende überhaupt hatten. Mir wurden keine Fragen beantwortet und ich hatte echt viele, weil ich von Neurologie so gar keine Ahnung hatte. Ich hab dann extra nur der Praxisanleiterin Fragen gestellt, weil ich dachte, dass das ja auch ihre Aufgabe ist. Einmal beugte sie sich den einen Morgen über meine Schulter, während ich da gerade am Tisch saß und fragte „sag mal, fragst du deine Eltern eigentlich auch so viele Löcher in den Bauch?“ Klar frag ich was, wenn ich was lernen will, denn ich bin ja auch ein neugieriger Mensch. Diese Frage und das darauffolgende Lachen zwischen ihr und einer weiteren Schwester waren für mich unnötige Psychokacke. Das war der einzige Einsatz, in dem ich schlecht bewertet wurde.

Ich weiß gar nicht, ob man das so allgemein sagen kann, warum manche Teams schwierig sind und andere nicht. Es ist ja auch immer personenabhängig. Manche sind bei wenig Arbeitsaufwand schon sehr gestresst. Manche waren total cool. Mit Männern hatte ich nie Probleme in der Zusammenarbeit. Und es gab ein Team, da war die Stimmung sehr schlecht. Alle haben übereinander gelästert oder sich gegenseitig voreinander fertig gemacht. Ich nehme an, sie mussten irgendwas rauslassen. Aber sie waren dadurch unmotiviert und haben selbst bei den Patienten aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. In solchen Teams hab ich auch kein Interesse am Fach bemerkt. In anderen Teams, wo ich das mal erlebt hab, waren die Schwestern an vielen Themen interessiert, haben gefragt oder nachgelesen. Sie wirkten untereinander auch eher befreundet. Das Team machte auf mich auch nicht so einen schwachen oder instabilen Eindruck, selbst wenn die Arbeit schwer war mit vielen Reanimationen oder sterbenden Menschen. Sie waren wie abgehärtet oder – ich weiß nicht – es waren Frauen, die wirkten auf mich auch im Privatleben taff. Das macht eh viel aus. Man sagt ja immer, man soll nichts mit auf Arbeit nehmen, aber ich kenne keinen, der es nicht schafft. Aber wer im Privatleben nicht allein und gelangweilt ist, ist auch auf Arbeit stabiler.

Ich habe schon sehr oft Situationen gehabt, in denen ich heulend nach Hause gefahren bin. Also Situationen, in denen ich gezweifelt habe, ob es wirklich das richtige ist, was ich da mache. Obwohl ich weiß, dass ich das kann, reißt es mich total herunter, wenn mir eine Kollegin mit ihrer schlechten Laune immer wieder sagt, dass ich etwas nicht gut mache. Ich nehme mir das dann zu Herzen. Klar weiß ich noch längst nicht alles und ich bin in einer Lern- oder Entwicklungsphase. Das ist wie beim Knochenwachsum. Da ist man dann empfindlich. Und wenn mir in dieser Phase reingeredet wird oder mir nur gesagt wird, was ich falsch mache oder dass ich zu viele Fragen stelle, dann fühle ich mich angegriffen. Und in solchen Situationen zweifle ich und wünsche mir von mir und vom Team mehr Gelassenheit. Es gab Morgende, da hab ich alles in Frage gestellt und wusste nicht, warum ich jetzt aufstehen sollte. Und wenn Kritik geäußert werden muss, dann wünsche ich mir, dass es sachlich und konstruktiv geschieht. Ich denke, das würde schon helfen. Ich will ja was lernen. Wie das später mal sein wird, wenn ich in einem festen Team bin, weiß ich noch nicht. Aber ich würde immer versuchen, an blöden Situationen zu arbeiten, um sie zu verbessern. Bei dem einen schrecklichen Einsatz hat es mir sehr geholfen, dass ich den Tag im Kalender, den ich geschafft habe, fett weggestrichen hab, bis das Papier durchgekratzt war.

Es ist ja auch nicht immer das Team. Manchmal liegt einem ja das Fachgebiet nicht, aber dann hat man vielleicht wenigsten ein gutes Team. Wenn beides blöd ist, dann weiß ich auch nicht. Mein Ziel ist dann einfach das Examen. Ich will diesen Abschluss und ich will das zu Ende bringen. Man muss halt auch mal durch schwierige Zeiten, das hat ja auch was mit Stärke zu tun. Auf Grund eines doofen Einsatzes würde ich nicht abbrechen.

Manche Teams ziehen mich so runter, dass ich an meinem Beruf zweifel. Eigentlich liebe ich das, was ich mache, aber diese Leute machen es mir schwer. Natürlich lasse ich mich davon beeinflussen. Vor allem, wenn ich gesagt bekomme, dass ich es falsch mache. Ich weiß aber, dass ich es richtig mache. Nur eben auf meine Weise und ich weiß auch, dass es fachlich korrekt ist. Ich hab das Gefühl, für manche ist es gleich falsch, wenn ich es nicht ganz genau so mache, wie sie. Als gäbe es in der Pflege für alles nur eine Methode.

Ich glaube, manche Kollegen lassen sich nicht gern was von jüngeren sagen. Dabei will ich nur sagen, wie ich es richtig gelernt hab. Ganz höflich und respektvoll. Und es wäre schön, wenn sie mich wenigstens anhören würden. Was sie dann daraus machen, ist deren Sache. Manche reagieren ja ganz cool und sagen „interessant, erzähl mir mehr“. Eine, die mich mal anleitete, war etwas rau, aber sehr sicher in dem, was sie macht und davon auch überzeugt. Sie war aber immer interessiert, was ich so aus anderen Abteilungen, zum Beispiel aus der Kardiologie, erzählen konnte. Das war ein gutes Gefühl. Ich dachte, es ist sinnvoll, was ich mache. Und sie hat mir auch so Tipps und Tricks gezeigt. Das mag ich eh sehr gern, wenn ich aus den Erfahrungen anderer lernen kann. Zum Beispiel das Anziehen von Antithrombosestrümpfen. Dass es viel leichter geht, wenn man sie erst komplett – außer die Spitze bis zum Hacken – auf links zieht und dann über den Fuß stülpt. Jetzt kann ich das.

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Ein Kommentar bei „Teil 3: “erklär es mir!” – Lehrjahre sind keine …. ?“

  1. Hilde Unverfähr sagt: Antworten

    ich bin sehr stolz auf dich, als Mutter bin ich ja vielleicht nicht objektiv, aber das ist zweitrangig.
    Krankenpflege ist ein so vielseitiger Beruf, der immer und überall gebraucht wird und die Begeisterung die du jetzt empfindest hast du hoffentlich auch noch in vielen Jahren.

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