die Reise endet, wie sie begann: im Regen

Ich bin schon längst wieder zu Hause, habe bereits einen neuen Job, ein neues Projekt und jede Menge Hausaufgaben zu erledigen.

Der Blog hinkt hinterher, aber das ist nichts Neues – das tat er von Anfang an. Zum einen war das von mir so geplant, weil ich aus Gründen meines Selbstschutzes und meiner Anonymität nie in Echtzeit bloggen wollte. Fremde Personen sollten nicht wissen, wann ich gerade allein in meinem Zelt hockte oder welcher Ort mein Tagesziel war. Daher stand an meinem Rad oder auf meinen Taschen auch nicht die Adresse meines Blogs, damit niemand auf die Idee käme, mich zu googeln und herauszufinden, dass ich allein reiste. Alle anderen, die mir nicht fremd sind, wussten eh immer wo ich war.

Zum anderen wollte ich mich nicht hetzen. Das Schreiben von Beiträgen, das Auswählen der Fotos und vor allem das Führen, Abtippen und Sortieren der Interviews bedarf nicht nur Zeit, sondern vor allem viel Ruhe. Die meisten meiner Beiträge schrieb ich daher in Phasen der Ruhe, also wenn ich für mehrere Tage an einem Ort verweilte. Auch wenn diese selbstgesteckte Aufgabe (einen Blog füttern) nach viel Spaß und Einfachheit aussieht, ist es das nicht. Es erforderte und erfordert Disziplin, genauso, wie das Radeln an sich auch. Egal, wie schwer die eine oder andere Etappe schien, ich habe sie durchgezogen. Habe immer weitergetreten. Beides – also das Radeln und das Schreiben – verlangte so viel Aufmerksamkeit von mir, dass selten beides an einem Tag möglich war.

Resümieren will ich allerdings erst in einem nächsten Beitrag. Für jetzt will ich berichten, wie meine letzte Etappe verlief:

Nach meiner Hitzeerschöpfung und meiner zweitägigen Zwangspause in Sigmaringen bin ich mit dem Zug bis nach Neuburg an der Donau gefahren. Ich hatte ursprünglich drei Tage dafür eingeplant, aber daraus wurde ja nichts. Der Bahnhof in Sigmaringen hat vier oder fünf Gleise, aber keinen Aufzug. Ich nahm den Rolli-freundlichen Umweg zur Unterführung und stand dann vor der Treppe zum Gleis. Ich nahm Schwung und wuchtete das Rad mit den mittlerweile nur noch circa dreißig Kilogramm Gewicht die Rampe für Personen mit Kinderwagen hoch. Ich schaffte drei Schritte, dann zog die Schwerkraft das Rad und mich zurück. Ich hielt die Bremsen angezogen, um nicht nach hinten gerissen zu werden und ließ das Rad langsam und Stück für Stück zurückrollen. Es kamen drei Mädels vorbei, die den letzten Schultag vor den Sommerferien hatten und ich bat sie, mir zu helfen. Eine der drei schob von hinten mit an und zusammen schafften wir das Rad hoch. Um in den Zug zu gelangen, brauchte es dann nur weitere vier Stufen auf einer steilen, viel zu engen Treppenleiter in den Wagon.

Sowohl beim Ein- als auch beim Ausstieg nahm ich nur die vorderen Taschen ab, da die hinteren zum Teil festgegurtet (da vom Sturz von vor zwei Monaten noch immer ein Klicksystem defekt war), aber vor allem durch den Seesack voll beladen waren. Jedes Mal erhielt ich von meiner aufmerksamen Umgebung Hilfe.

In Ulm stieg ich um und lernte María aus Spanien durch das Bild der Jakobsmuschel an meinem Rad kennen. Ich fand das Bild ein paar Tage zuvor am Donauursprung und fand es passend für mich. Sie sah es und sprach mich drauf an. Wir unterhielten uns über das Pilgern, über gute Routen in Spanien und Frankreich, über Besonderheiten beim Pilgern und was der Unterschied zum Radeln ist.

In Neuburg war an dem Abend ein Volksfest mit Trachten, Blasorchester, Kutschen und Alkohol. Ich verschwand schnell an die Donau und ließ mich in der Strömung treiben. Mittlerweile hatte der Fluss ein veritables Ausmaß, wenn ich daran denke, dass ich ein paar Tage zuvor noch in einer kleinen bachähnlichen Strömung saß und mich abkühlte. Noch immer hing die Hitze über uns und dicke Luft erschöpfte schnell den Geist. In der Ferne zogen dunkelgraue Wolken auf, die von Zeit zu Zeit einen Donner hören ließen. Sonst passierte nicht viel.

Am nächsten Morgen war der Himmel verhangen und die Luft frischer – auch ohne kräftiges Gewitter. Ich verabschiedete mich vorerst von der Donau und fuhr gen Norden, Richtung Eichstätt. Auf dem Weg begann ein starker Regen und nach und nach zog ich alles an, was meine Regengarderobe bereit hielt. Ich fuhr bergauf und begleitete zunächst die Schutter und stieß dann auf die Altmühl.

Bayern

Die Altmühl verlief malerisch zwischen den Erhebungen links und rechts und weil ich Nordkind keine Ahnung von der Schönheit dieser Region hatte und sowieso keine Ahnung davon hatte, wo ich war, erfuhr ich erst später, dass die Landschaft die Fränkische Alb war. Doch egal ob Fränkische oder Schwäbische Alb und Schwarzwald – ich genoß die Natur, die sich mir dort bot, obwohl ich mich an den Küsten und im flachen Norden immer ein bisschen weniger fremd fühle. Weniger wie eine Besucherin. Immer wieder auf meiner Tour schwirrte Tocotronic mit den Worten “aber hier leben – nein danke” durch meinen Kopf.

An der Altmühl entlang kam ich am nächsten Tag in Kipfenberg vorbei, laut kipfenberg.de der geografische Mittelpunkt Bayerns. Ich folgte der Altmühl, die ab Beilngries zum Main-Donau-Kanal missbraucht wird und dementsprechend aussieht: gerade, breit, schwer, mit Schiffsverkehr. Die Idylle verschwand. In Kehlheim verbrachte ich meinen letzten Abend mit mir allein: Ich spielte Minigolf und genoß die Ruhe auf einer Restaurantterasse. Ich war die einzige Alleinsitzende, um mich herum vor allem Radtourist*innen zu zweit oder in Gruppen. Links und rechts von mir saßen Paare (nehme ich zumindest an), die sich mehr mit ihren Smartphones beschäftigten als mit sich selbst. Ich glaube mein Reisetagebuch und ich führten mehr Konversation.

Der nächste Tag war wieder verregnet und von nun an war ich wieder an der Donau – auf dem Weg nach Regensburg. Dort endete meine Reise.

Begegnungen

Auf dieser letzten Etappe traf ich sehr viele Menschen. Da war in Eichstätt auf der Zeltwiese der Vater, der in Halle wohnt, mit seiner Tochter, die irgendwo im Ruhrgebiet wohnt. Er lege regelmäßig die Strecke zu ihr mit dem Rad zurück und brauche mehrere Tage bis er bei ihr sei, aber es lohne sich jedes Mal.

In Kratzmühl freundete ich mich mit einer Familie aus Slowenien an und lernte vom dreijährigen Oskar die Farben auf Slowenisch. Sie waren mit Oskar und seiner einjährigen Schwester auf Rädern unterwegs. Die Eltern erzählten mir, dass sie früher viel mit dem Rad gereist seien und weite Strecke zurück gelegt hätten. Jetzt seien die Strecken leichter und kürzer. Ich glaube, sie haben es ein wenig bedauert.

Zwischen Kehlheim und Regensburg begleitete mich Stefan ein ganzes Stück. Er war mit seinem Vater unterwegs, für den das wahrscheinlich seine letzte Tour werden wird, da er ein schwaches Herz habe. Der Vater fuhr mit dem Zug vor und sie wollten sich kurz vor Regensburg wieder treffen, um dann gemeinsam weiter zu radeln. Sie radelten die Fünf-Flüsse-Tour. Wir verstanden uns sehr gut und blieben – trotz Regen, eines vorfahrenden Vaters und einem bevorstehenden Termin (meinerseits) noch ewig an der Kreuzung, an der sich unsere Wege trennen sollten und plauderten übers Reisen. Ich erhielt Tipps zu guten Reisematerialien und -strecken. Auch außerhalb des Reisens teilten wir Gemeinsamkeiten, weshalb es nicht so leicht war, getrennte Wege einzuschlagen.

In Regensburg selbst verbrachte ich einen tollen Nachmittag mit einem Freund und seiner Familie und später einen entspannten Abend am Ufer der Donau zu zweit. Wir haben zusammen Gesundheits- und Pflegewissenschaft in Halle studiert und uns schon immer gut verstanden. Wir konnten an den Dingen von vor ein paar Jahren anknüpfen und diskutierten später über Gender, Transgeschlechtlichkeit und Feminismus. Ich weiß nicht warum, aber ohne dass ich es forciere, wollen die Menschen mit mir über diese Themen philosophieren und debattieren.

Meine Heimreise war unspektakulär. Ich verpasste den ersten Zug in Regensburg (weil ich nie weiß, wo dort der Eingang zum Haupbahnhof ist), bekam ein paar Minuten später aber gleich den nächsten. Dadurch hatte ich keine Zeit mehr, um mir am Umsteigebahnhof in Nürnberg ein Frühstück zu holen, weshalb ich im Regionalzug bis nach Leipzig nur einen Apfel aß. Auf meiner ersten Zugfahrt nach Nürnberg gesellten sich ein älterer und ein mittelalter Herr zu mir – Vater und Sohn. Sie waren zum Wandern in einer größeren Gruppe verabredet gewesen. Die Fahrt war sehr schön, denn ich bekam eine kleine Führung durch die Fränkische Alb – vom Zug aus.

Das, was im Nordwesten der Weserradweg schien – nämlich eine Tour, von der mir viele erzählten und von der viele schwärmten, das muss in Bayern der Fünf-Flüsse-Radweg sein. Sogar die, die nicht radelten, kannten ihn und erzählten mir davon. Ich bin mit der Donau und der Altmühl immerhin zwei von ihnen entlanggeradelt.

Das Beste kommt zum Schluss?

Leipzig wollte mich nicht zurück haben. Es war Endstation und der Zug sehr voll. Vor mir stiegen noch andere Radfahrer*innen aus, so dass ich erst an mein Rad kam, als der letzte seins von meinem nahm. Ich klickte schnell alle Taschen ans Rad und hörte, dass der letzte, der ausstieg, den wartenden Fahrgästen vor der Tür Bescheid sagte, dass da noch ein Rad käme, aber das war der Masse egal. Sie setzte sich in Bewegung, als ich gerade um die Ecke bog und aussteigen wollte. Da die Menschen in den hinteren Reihen drückten und die vorderen nicht mehr zurück konnten und wollten, blockierten wir uns gegenseitig. Ich kämpfte mich gegen diesen Strom. Sie machten keinen Platz, sondern überrannten mich, bis ich anfing zu klingeln und zu schimpfen. Kein Wunder, dass ich nicht nach Hause wollte und mich wieder aufs Rad an einen menschenleeren Ort sehnte. Aber hier leben – nein danke!

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