Berlin-Lärz

Nach vier Tagen Berlin, ging es für mich weiter Richtung Norden. Mein Ziel für die kommende Woche war die Ostsee.

Wunderbares Reisewetter begleitete mich aus Berlin, unterwegs noch schnell Erdbeeren am Stand gekauft, dann rauf auf den Berlin-Kopenhagen-Radweg. Zunächst ist der Weg auf Grund von Wurzel, die sich durch den Asphalt kämpfen noch holprig, dann wird er besser. In Oranienburg machte ich eine Pause, um festzustellen, dass ALLE Erdbeeren matsch waren. Hab sie trotzdem gegessen – aus Prinzip. Und ich hab was gelernt: sofort essen oder sein lassen, denn es sind keine Reisefrüchte.

Kurz hinter Oranienburg zog plötzlich ein grauweißer Vorhang über mir zu, Strum kam auf und ich wusste, gleich wirds nass. Also die Wäsche, die noch am Rad zum Trocknen hing, in die Taschen verstauen und auf alles gefasst machen. Mitten im Wald öffnete sich die Wolkendecke und goss Wasser über uns. Ich stand zusammen mit Constanze, Hannes und Heiko unter den Bäumen und wartete das Ende ab. Sie wohnen in Oranienburg und waren spontan zu einem Ausflug aufgebrochen. Zu Hause im Garten war der Kaffeetisch noch gedeckt. Damit erledigte sich vielleicht der Abwasch. Ich habe von Ihnen noch Übernachtungsempfehlungen bekommen, die dann aber alle zu weit weg für mich waren. Fast hätten wir das Ende vom Regen verpasst, weil es unter den Bäumen noch immer tropfte, wenn andere Radreisende uns nicht darauf aufmerksam gemacht hätten. Sofort wurde es wieder warm und durch die aufsteigende Nässe auch schwül.

Mein eigentliches Abenteuer an diesem Tag begann in Zehdenick. Ich kam am frühen Abend gegen fünf an, doch die Suche nach einer Unterkunft zog sich sehr in die Länge. Drei Pensionen haben mir abgesagt, zwei waren mir zu teuer, ein Zeltplatz hat am Sonntagabend niemanden mehr aufnehmen wollen und bei drei weiteren Pensionen stand ich vor verschlossener Tür. Auf einer Wiese einer Fereinanlage durfte ich auch nicht stehen. Dann kam die erlösende SMS, dass ich es am Alten Hafen versuchen sollte. Ich habe halb acht angerufen, sie hatten noch eine Radlerhütte für mich und würden mir auch noch etwas zu Essen machen. Da die Küche um acht schließe, boten sie mir geschmierte Stullen an. Halb neun war ich endlich angekommen.

Was sich mir dann bot, war purer Luxus. Die Radlerhütte war ein Hotelzimmer im Freien – nur ohne Bad. Am Telefon sagte ich, ich esse kein Fleisch und so bekam ich eine hammer Käseplatte mit Gemüse und Obst und überhaupt. Ich hatte seit Monaten keinen Käse mehr gegessen und aß dort fünf verschiedene Sorten und vor allem den gesamten Blauschimmel. Ich hatte etwas Angst vor der Nacht, hab sie aber überlebt. Selbstverständlich bestellte ich dann auch noch ein Frühstück.

Der Knüller war dann die Rechnung: Es war viel günstiger als am Telefon vereinbart, da ich die Radlerhütte allein nutzte. Leute, die wissen, was Kundinnenzuriedenheit ist. Gern wieder.

Gut gestärkt auf dem Weg nach MeckPomm.

Ravensbrück wollte ich ansteuern und hab es dann glatt verpasst. Also wieder zwei Kilometer zurück, denn ich konnte schon nicht in Sachsenhausen halten. Aus der anderen Richtung gab es dann auch ganz viele Hinweisschilder, die es vorher – aus Richtung Lychen – nicht gab. Es war Montag und die Innenausstellung hatte zu, aber das Gelände war offen. Vor achtzehn Jahren war ich mit der AG Junge GenossInnen e.V. Schwerin zum ersten Mal dort. Ich konnte mich noch an die Mauer mit den Gedenkeinlassungen oder den Schießgang erinnern sowie an den See, doch erst jetzt fiel mir auf, wie gut sichtbar das andere Ufer des Schwedtsees, also Fürstenberg ist.

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht. In der Schule hat mich der Geschichtsunterricht so gar nicht mitgenommen, zum Glück war ich privat etwas interessiert, vor allem an den Folgen der NS-Zeit. Doch jetzt erst – vielleicht ist es das Älterwerden – bekomme ich Gänsehaut an all den Orten, an denen ich auf meiner Reise vorbeikomme. Zu Beginn der Reise waren wir in der Ausstellung zur Wannseekonferenz und nun sah ich die unmittelbaren Folgen dieses Treffens in Ravensbrück. In Berlin der Gedenkort an die jüdischen Opfer und natürlich allgegenwärtig die Erinnerung an die jüngere Geschichte, also die Wiedervereinigung. Ich bin ein Kind der Nachwendezeit (wenn auch kurz vorher geboren) und kann mir Entbehrung, Krieg, Einschränkungen oder Angst gar nicht vorstellen. Ich hab einfach nur Glück. Bis jetzt. Ab jetzt ist es meine Pflicht, dass es so bleibt.

Meinen Antrag auf Briefwahl zur EU-Wahl hatte ich zu spät abgeschickt und hoffte während der Fahrt, dass meine Wahlunterlagen noch pünktlich ankommen, damit sie mir hinterhergeschickt werden konnten. Ich wollte unbedingt wählen 🙂 (Nachtrag: es hat geklappt, puh)

Dass ich irgendwann in MeckPomm angekommen bin, hab ich nicht sofort gemerkt, denn ich erwartete ein Schild am Weg, auf dem sowas steht wie “Herzlich Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern”. Die Fahrradwege und die Beschilderungen wurden schlechter und ich verfuhr mich öfter. Irgendwann stand eine Tafel mit den örtlichen Radwegen am Straßenrand und die Überschrift verriet mir, dass ich in MV war. Ganz unspektakulär.

Trotz Gewitter im Nacken und unnötigen Umwegen sprang ich spontan in einen Waldsee, der mich rief, erst kalt und dann wohltuend umschlang.

Endlich in Lärz angekommen, begann es zu regnen. Also der Kulturkosmos ist einfach eine andere Welt, in die ich mit meiner knallebunten Funktionskleidung und neongelben Helm auf dem Kopf nicht so recht hineinpassen wollte. Eine Freundin, die dort arbeitet, zeigte mir alles, stellte mich ein paar Leuten vor, wir plauderten kurz, dann stellte ich in der Dusche fest, dass zu meiner nicht passenden grellen Kleidung auch noch tonnenweise Sonnencreme in den Ohren steckte. Zwischen den coolen Leuten dort hab ich mich ein bisschen zum Pleppo gemacht – zumindest kam ich mir so vor. Aber egal, alle waren nett.

Natürlich hab ich auch von der Stimmung vor Ort was mitbekommen, ob die Fusion nun stattfinden wird oder nicht, aber das ist jetzt gar nicht meine Aufgabe, hier dazu einen Bericht abzugeben.

Worüber ich sehr wohl berichten will, ist der Geist, der mich dort sofort packte. Abends machte ich einen Spaziergang über das Gelände und habe überlegt, warum ich mich so wohl und so angenommen fühle von diesem Ort. Es ist ein riesengroßer Spielplatz im positivsten Sinn, den man sich nur vorstellen kann. Überall stehen Holz- oder Metallfiguren, von denen ich manche als eine bestimmte Figur erkennen kann. Andere sind so abstrakt, dass ich alles darin sehen kann, was ich will. Von der Anwesenheit der Hangars dazu verleietet, auf sie hinaufzuklettern, nur um dann von oben wieder herunter zu wollen, um die Details am Boden zu bestaunen. Als ich da war, war es noch über einen Monat bis zur Fusion und es waren noch keine neue Deko oder Lichtinstallationen zu erkennen. Und trotzdem war der Ort bereits verwunschen. Was ich mit Spielplatz auch meine, sind nicht nur die selbstgebauten, konkreten Spielplatzmodule, sondern auch die Freiheit, alles sein zu dürfen und machen zu können, was man will. Es gibt dort kein Falsch (außer alles Menschenverachtende) und dieser Geist oder diese Philosophie zieht zurecht Menschen aus allen Gegenden an. Das alles kann ich aber gar nicht wissen, dann ich war noch nie auf der Fusion *hüst*. Zu viele Menschen, zu laut. Ich kenne nur die kleine Schwester, die At.tension und die Begeisterung derer, die Jahr für Jahr nach Lärz pilgern.

Festival ist nicht gleich Festival. Ich war einmal auf einem kommerziellen – auf dem South Side in Baden-Württemberg und als wir dort am Montag abreisten, war der Zeltplatz verweist: Stühle, Tische, Grills, ungeöffnete Lebensmittel, Isomatten, Zelte – alles in bester Qualität blieb liegen. Es hatte für die Menschen gar keinen Wert, sondern erfüllte einmal einen Zweck. Als ich Jahre später an einem Montag von der At.tension abreiste, blieb auf dem Zeltplatz kaum ein Taschentuch zurück. Die Menschen haben sich um ihre Umwelt und um einander gekümmert und sind miteinander friedlich umgegangen. Ich mache mir nichts vor, da kommen auch Idioten hin, aber die sind in der Unterzahl oder werden schnell vom Kuko-Geist erfasst, denn alle haben ein Ziel: zusammen eine schöne Zeit zu erleben.

Und das spürte ich dort, während ich spazieren ging, aber trotzdem will ich nicht auf die Fusion, freue mich aber schon sehr auf die At.tension dieses Jahr 🙂

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