Von Mainz über Karlsruhe und Kehl nach Freiamt

Aus Mainz musste ich mich irgendwie herauswurschteln, was vor allem deshalb nicht so einfach war, weil ich von nun an keine Fahrradkarte mehr hatte. Ich war am Ankunftsabend noch in der Buchhandlung im Hauptbahnhof von Mainz, aber sie hatten den entsprechenden Streckenabschnitt nicht. Ich hab mir die wesentlichen Orte notiert und die Strecke ungefähr abgezeichnet. Mit dem Wisch versuchte ich aus Mainz herauszufinden und nach anfänglichen Extrakurven war ich wieder auf dem Rheinradweg. Ich trampelte, was das Zeug hielt, denn Mainz-Schifferstadt sollte eine meiner längsten Tagesetappen werden. Ich fuhr durch Weinberge, suchte immer wieder den Rhein, wurde von Segelfliegern begleitet, von mindestens zwei Volksfesten gebremst, verfluchte die Sonne, suchte einen Einstieg in einen See, ließ dann zum Glück davon ab, als ob ich geahnt hätte, dass ich den Weg nach Schifferstadt immer wieder verlieren würde (oder die örtlichen Behörden die Konsequenz in der Beschilderung). Ich war über jede weitere Minute, die ich nicht verträumte, glücklich. Wieder mal half mir mein daheimgebliebenes Navi am Telefon und erklärte besser, als es jedes Radwanderbüchlein hätte tun können, den Weg.

Kurz vor dem Haus meiner ehemaligen Schulfreud*innen, die ich seit über vierzehn Jahren nicht mehr gesehen oder gehört hatte und die ich eine Woche vorher anschrieb, ob sie noch in der Nähe von Mannheim wären. Kurz vor der ersehnten Ankunft also entdeckte ich eine Tankstelle, die ich mir seit mindestens drei Stunden (oder wie man hier draußen sagt seit trölfzillion Sonnenminuten) herbeisehnte. Ich deckte mich mit Fanta ein, die ich dann erst über eine Woche später trank. Ich wusste ja nicht, WIE nah ich am Ziel war.

Bei meinen Schulfreund*innen war es sehr schön. Sie sind seit der elften oder zwölften Klasse ein Paar, haben vor, was war das acht? Jahren geheiratet, vor vier Jahren ein Haus gebaut und Alex mit einziehen lassen, damit es nicht langweilig wird. Alex ist charmant, unterhaltsam und ich-bezogen. So ich-bezogen, wie es für Vierjährige völlig normal ist.

Unser Wiedertreffen war toll. Wir konnten irgendwie an alte Zeiten anknüpfen, was ich nicht gedacht hätte. Dann sind wir alle möglichen Leute, die wir kennen durchgegangen, wer macht was mit wem und wo. Neun Jahre gemeinsame Schulzeit verbindet dann doch mehr, als ich zu erwarten wagte.

Die beiden beherbergten dann für eine Woche mein liebgewonnenes Rad und meine Taschen, während ich eine Woche in Leipzig verbrachte. Erneut dünnte ich mein Gepäck aus, denn von nun an würde es noch wärmer werden.

Mirabellen unterwegs

Von Schifferstadt aus fuhr ich nicht gleich gen Süden weiter, denn ich hatte keine Eile. Ein Freund aus Freiburg lebte mittlerweile in Heidelberg, was ich erst in meiner Leipziger Pausenzeit erfuhr und so besuchte ich ihn spontan. Ich holte ihn von der Uni ab, wir speisten zusammen in der Mensa am Botanischen Garten, sind dann zu ihm gefahren, um unsere Sachen abzulegen. Dann sind wir in die Uni-Bib zum Arbeiten.

© Markus

Am Abend gingen wir auf den Berg mit Schloss. Vor Jahren war ich als JAVi mal in Heidelberg zu irgendeiner Personalratssitzung der Unikliniken von BaWü, aber ich sah von der Stadt nicht viel. Dieses Mal fuhr ich langsam auf ihr zu, konnte ihre Größe von weitem nur erahnen, weil sie sich in den Bergen, entlang des Neckars schlängelte. Abends saßen wir dann – wie viele andere auch – oben an der Schlossmauer und beobachteten das sich stets ändernde Dämmerlicht, das Wasser, die Menschen und uns. Also zumindest habe ich uns beobachtet. Weiß nicht, ob mein Freund, Markus, das auch tat. Schon in Freiburg während unserer Ausbildung haben wir solche Abende auf dem Schlossberg verbracht. Oder am offenem Fenster im neunten Stock mit herausbaumelnden Füßen und Blick auf den Schwarzwald. Wir sind bis zu einem gewissen Grad sehr ähnlicher Meinung, dann geht es auseinander. Wir argumentieren für unsere Sicht, versuchen die andere Person für uns zu gewinnen, lassen sie ziehen, wenn wir merken, dass es zu weit weg ist für sie und hören zu und lernen viel neues. Mein Kämpfen um die Wahrheit (was auch immer das ist) wird bei Markus ab einem bestimmten Punkt von Neugier auf eine andere Sichtweise abgelöst. Ich höre diese Sichtweise vielleicht nicht zum ersten Mal, sie muss mir auch gar nicht gefallen, aber ich bin dann plötzlich offen für dieses Andere und beobachte gespannt meine eigene Haltung und meine Gedankengänge.

Wir setzten unsere Unterhaltung bei ihm zu Hause fort und wenn die bevorstehende Reise am nächsten Tag nicht ein Bettbefehl ausgesprochen hätte, dann hätten wir vermutlich bis zum nächsten Sonnenuntergang dort gesessen. So oder so hatte ich zu wenig Schlaf, einen Minikater und große Lust auf die Weiterreise.

Sie führte mich zunächst durch eher gleichaussehende Ortschaften, in Hockenheim gab es dann kurz etwas Abwechslung durch das Dröhnen der Rennautos. Ich dachte bei mir, dass ich bekloppt sein müsste, um bei dieser Hitze mit einem Blechding über den heißen Asphalt zu hetzen. Aber wahrscheinlich dachten die mit ihrer Klimaanlage im Auto das Gleiche von mir: Dass ich bekloppt sein müsste, bei dieser Hitze mit dem Tad zu reisen.

Meine Reise führte mich dann wieder entlang des Rheins, wobei ich den Rhein gar nicht so oft sah, aber das, was er hervorbrachte: Kieswerke, Storchenkolonien, auenähnliche Landschaften.

Rheinkanal – Altrhein – superklares Rheinwasser – Storchenkolonien bei Phillipsburg

Ich machte in Phillipsburg Halt und baute von der Hitze erschöpft zwischen Familienzelten mein Schlafplatz auf. Am nächsten Tag sollte das Blau im Thermometer noch höher klettern und meine Zeltnachbarin Jasmin empfahl mir, einfach noch eine Nacht zu bleiben. Gesagt, getan. Während sämtliche großen und kleinen Menschen vom Campingplatz sich dann und wann an der kleinen Badestelle einfanden und sich abkühlten, saß ich den ganzen Tag im Schatten am Tisch und tippte wie verrückt meine Berichte in die Tasten. Die Menschen tauschten Badebekleidung, Handtücher, Gesichter und Formen der Körper, aber Urlaubsfreude und -stress wirkte an diesem Ort konstant weiter. Der Schatten schrumpfte und wuchs unter den kläglichen Bäumen und wurde zum Abend hin immer länger. Erst als das Treiben um mich herum ruhiger wurde, erwachte ich aus meinem tippendem Dornröschenschlaf, schwamm, unterhielt mich mit Jasmin, spielte mit ihr, ihren Kindern und anderen Zeltgästen Kubb und schob mich dann ins Zelt. Gegen drei Uhr wurde ich wach – wie ungefähr jede Nacht, seit dem ich hier draußen bin – ging auf die Toilette und nahm, fast im Schlaf, die Wäsche ab. Ich weiß nicht, warum. Kaum lag ich im Zelt und machte mich daran, den Weg zurück in die Traumwelt zu finden, klopften einzelne Regentröpfchen an mein Zeltdach. Auch da dachte ich mir noch nichts. Erst als es immer mehr wurden und sie nicht mehr nur klopften, sondern vor Zorn den Himmel erhellten und laut polterten, dass die Kinder um mich herum wach wurden, wusste ich, warum ich die Wäsche abnahm. Der Weg in die Traumwelt blieb mir für lange Zeit verwehrt, erst am Morgen fand ich ihn.

Der Morgen war ganz anders als die anderen zuvor. Bewölkt, windig, kühl, angenehm. Ich schwamm eine große Runde gleich nach dem Aufstehen und das Wasser wärmte meinen noch verschlafenen Körper, während die Luft – circa zehn Grad kühler als am Tag zuvor – ihn fröstelnd machte. Ein seltenes und seltsames Gefühl.

Ich hing mein Zelt über die Leinen, der Wind trocknete es gewissenhaft, dann ging es los. Weiter.

Karlsruhe und ich werden keine Freundinnen mehr, egal ob mit meinem Bulli oder mit meinem Rad. Allerdings war Freistett sehr schön, als ob die Menschen ein gemeinsames Dorfkonzept verfolgten. Es war gemütlich, verwunschen zugewachsen, mit alten Gartengeräten und -möbeln dezent eingerichtet. Der andere Teil des Ortes befand sich direkt am Rhein und glich einem nicht gerade einladenden Industriegebiet wie sie am Rhein überall vorkommen.

Altrhein – Altrhein – Rheinkanal

Von nun an fuhr ich oben auf dem Damm neben dem riesigen Schiffstraßen-Kanal, der als Rhein bezeichnet wird. In Stollhofen bog ich an der Fähranlegestelle ins Landesinnere ein und übernachtete auf einem sehr großen Freizeit-Campingplatz. Alles luxuriös und gleichzeitig unaufregend. Ich glaube, in der Nacht hat es wieder ein wenig geregnet, aber es hielt nicht bis zum nächsten Morgen und so fuhr ich im feuchten Dunst der letzten Nacht los.

Die Wolken lockerten sich im Laufe auf und bereits in Kehl war wieder eine trockene Wärme zu spüren. Auf dem Marktplatz gönnte ich mir eine Toilette, Falafel mit Pommes und ein Eis. Dann ging es weiter und ich fand noch ein paar Minuten, um mal nach Frankreich zu fahren. Als Europäerin war die Fahrt über die Brücke aufregend und absolut unspektakulär zugleich. Absolut gar nichts war anders auf der anderen Seite. Auf beiden Seiten vom Rhein sprachen die Menschen Französisch, Deutsch, Englisch, Arabisch, Italienisch, Vietnamesisch oder irgendeine andere Sprache miteinander. Sie pendelten von der Arbeit nach Hause oder zu Freund*innen oder zum Shoppen. Irgendwo wehten Landesflaggen zusammen mit der Europaflagge und irgendwo stand wohl auch was mit Frankreich oder Deutschland oder auch nicht. Denn es war im Grunde egal. Trotzdem bildete ich mir ein, dass sich für zwanzig Minuten ein Urlaubsgefühl während dieser dienstlichen Reise einstellte. Immerhin: Ich war in Frankreich.

Mein Europagefühl verstärkte sich ins Unermessliche, als ich nach endlosen, aber dafür sehr kontemplativen Rheinkanalkilometern und durch die Altrheinaue die Schreie der Europaparkbegeisterten vernahm. Mein Zelt baute ich in der Nähe einer dieser neusten Achterbahnen auf und meine Dusche war ein Wild-Western-Salon mit Country-Musik. Ich weiß nicht, wie sich der wilde Westen in den Europapark verirren konnte, aber er schien dazuzugehören. Oder eben auch nicht, denn der wilde Westen fand VOR dem Europapark statt. Ich baute mein Zelt gegen sechs Uhr auf und bis auf einige wenige andere Menschen, war es recht leer. Erst als der letzte Schrei von der Achterbahn verhallte, wurde es voller und lauter auf dem Zeltplatz. Die Menschen waren aufgedreht, verspielt, überhitzt, unbändig. Ich legte an dem Tag achtzig Kilometer am Rhein zurück und mich im Hellen in den Schlafsack, während draußen noch Fange und Verstecken gespielt wurden. Von allen Altersklassen im Übrigen.

Am nächsten Morgen wurden aus dem Wild-West-Salon ein Stylingfliesband für den Europapark, mein Rad und ich zu Gegen-den-strom-Fahrende auf einer leeren Straße (Gegenseite stauähnlich) und während wir an Baustellen vorbeifuhren, die in ein paar Jahren das Areal des Europaparks vervielfachen werden, dachte ich, dass an diesem Ort wohl nie Ruhe einkehren wird. Jeden Tag das Schreien und Dröhnen von den Achterbahnen, das Schminken im Salon, die Autoschlangen vor Rust.

Ich fahre weg. Raus. Und rein in die Ruhe. In den Schwarzwald. Der bunte Park kommt mir ewig weit weg und ewig her vor. Mittlerweile freute ich mich auf ein neues Abenteuer. Auf den Aufstieg. Die Straße ist leerer als befürchtet, der Aufstieg leichter als vermutet und Freiamt größer als gedacht. Ich kam stolz und fröhlich erschöpft oben an. Jetzt hieß es ankommen, Zeit nehmen und verschnaufen.

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